Zensur in England

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Janus
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Zensur in England

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Habe grade in einem Blog folgenden Link zum Independent gefunden, in dem Artikel geht es darum das die Engländer die Produktion von BDSM lastiger Pornographie verboten haben. Die Initiatoren sind offenbar die gleichen konservativen die auch den Internet-Filter gegen "extreme Pornografie" (was auch immer das sein mag) durchgesetzt haben.

Schon der Internet-Filter war ein Projekt das ich sehr skeptisch beäugt habe. Ich denke sobald solch eine Infrastruktur erstmal vorhanden ist kommen die ganzen Interessensvertreter mit ihren Forderungen und wollen das auch ihr Klientel durch eine Erweiterung der Filtermaßnahmen "beschützen". Wie seht Ihr das?

Munro
Orga
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Munro »

Scheinbar ähnlich wie das Verbot von Gewaltpornografie in Deutschland, dann aber doch wesentlich umfassender. Die Entwicklung dort zieht sich nun schon länger hin, bzw. sie waren auch früher, zumindest gesetzlich, nicht toleranter. Soweit ich weiß, stehen einige BDSM-Praktiken nach wie vor unter Strafe, weil es Probleme mit der Einwilligung in Körperverletzung gibt.

Trotz aller Einwände gegen solche Porno-Verbote: Ich schließe mich da der Ansicht des Bundesverfassungsgerichts an, das sich natürlich auch mit unserem Gewaltpornografieverbot beschäftigte. Die sexuelle Freiheit des Menschen ist davon unberührt, ein Grundrecht auf Pornografie gibt es nicht, also kann der Gesetzgeber selbst entscheiden, ob und welche Pornografie es zulassen möchte. Übertragen auf GB: Wenn die es so wollen, wollen sie es eben so. Ich glaube tatsächlich nicht, dass die sexuelle Freiheit irgendeines Menschen hier oder dort darunter leidet, dass er seine sexuelle Aktivität nicht aufzeichnen und verbreiten darf. Also fällt das unter die Verfügungsgewalt demokratischer Entscheidungen. Wer das ändern möchte, muss genau da ansetzen.

Die Rechtfertigung über die Meinungsfreiheit, wie ihn die US-Amerikaner gehen, halte ich für zu weit hergeholt. Pornografie ist keine Meinungsäußerung, sondern definiert sich gerade dadurch, dass die sexuelle Aktivität im Vordergrund steht. Etwaige Meinungsäußerungen, die über "Oh, ja, gib's mir, Baby!" wären nur störend.

Janus
Zaungast
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Janus »

Du hast natürlich recht wenn du sagst Pornografie sei keine Meinungsäußerung. Aber dennoch finde ich die Tendenz die Freiheiten grade explizit in diesen Bereichen zu beschneiden besorgniserregend. Auch wenn Pornografie keine Meinungsäußerung ist die Entscheidung nur diesen Bereich zu beschneiden ja eine Nachricht an diejenigen die diese Praktiken ausleben.

Stell dir mal vor sie hätten die Produktion von Schwulenpronos verboten, den Aufschrei hätte mann noch bis Indien gehört, dagegen wäre der #aufschrei wegen Brüderle eine Montagsdemo mit zehn Teilnehmern und fünf Pappschildern gewesen. Klar könnten Schwule auch weiter ihre Sexuallität ausleben aber immer in dem Wissen das die Regierung ihre Sexualität irgendwie für "anders" hält und zwar nicht im guten, eher im abwertenden Sinne.
Bei dieser Aktion schwingt für mich der SubText (haha^^) mit: "Diese Praktiken sind gefährlich und die Menschen die sie mögen sind es auch! Wir können es zwar nicht verbieten aber wir legen ihnen doch Steine in den Weg wo wir es können!".

Nun ist England natürlich auch im Allgemeinen kein Hort der Freiheit und Fairness aber immerhin (noch) Mitglied in der EU. Ich hoffe nur das da nicht noch weitere Gesetze in diese Richtung kommen und auch das andere Länder sich nicht von diesen Entschlüssen inspirieren lassen.

mfg
Janus

Polyencephalitis
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Polyencephalitis »

Leider wundert mich so eine Gesetzgebung aus England irgendwie so gar nicht es war ja abzusehen das dort die staatlichen Zensurgesetze ausgebaut werden. In Anbetracht der Tatsache, das ich Zensur in jeder Form verachte ist meine Meinung zu dem Thema recht klar. Jede Einschränkung seiner (erwachsenen) Bürger zum Zugang zu Medien jedwelcher Art ist in meinen Augen ungerechtfertigt und nicht zu begrüssen.

HoneyBunny
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von HoneyBunny »

Hm, ohne diesen Thread wäre mir das total entgangen. Und irgendwie berührt es mich auch Null. Aber anscheinend haben die Briten ein Problem mit "sicherem" BDSM und Nachahmern, zumindest lese ich das aus dem Text (korrigiert mich ruhig, mein Englisch ist alles andere als gut). Wenn die das deswegen verbieten und eventuell einige Zeit verstreichen lassen und Aufklärung betreiben (eigentlich sind die Briten doch für alles offen oder nicht?), wird das Verbot vielleicht ja wieder aufgehoben werden. Außerdem scheint es ja "nur" die Produktion IM Land zu betreffen. Da werden sich manche eben woanders bedienen...
Munro hat geschrieben:ein Grundrecht auf Pornografie gibt es nicht
Das unterstreiche ich genau so! Man kann ja mittlerweile jeden Mist als Recht aus irgendeinem Grundrecht - und sei es auch nur die allg. Handlungsfreiheit aus Art. 2 GG - herausleiten, aber manche Dinge sind dann doch irgendwann lächerlich...
Polyencephalitis hat geschrieben:In Anbetracht der Tatsache, das ich Zensur in jeder Form verachte ist meine Meinung zu dem Thema recht klar.
Wirklich jede Zensur? Und was ist dann bspw. mit Kinderpornographie?

Polyencephalitis
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Polyencephalitis »

@HoneyBunny bei Kinderpornographie ist die Herstellung verboten, dagegen habe ich nichts. Meine Abneigung richtet sich gegen staatliche Zensur und ich denke auch bei Kinderpornographie ist das der falsche Weg. Ich weiß wir haben in Deutschland auch mal den Vorschlag diskutiert Ersteller und Verbreiter von Kinderpornographie nicht zu verfolgen, sondern lediglich den Zugang dazu zu erschweren, aber das hat sich zum Glück nicht durchgesetzt.
Daher (und weil das immer das erste Argument ist das kommt) bleibe ich dabei, das ich Zensur (staatlich) verachte und es in meinen Augen eine Regierung ihren freiheitlichen Charakter abspricht, wenn sie Zensurmassnahmen ein- oder durchführt.

Sirenensang
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Sirenensang »

Ich finde auch, dass Zensur der falsche Weg ist, zumal es hier nix zu zensieren gibt - es passiert nichts illegales, die Beteiligten sind im Konsens (hoffentlich). Und für mich ist Pornographie eben doch freie Meinungsäußerung. Wenn die Briten jetzt "gewalttätige Pornographie" (wie facesitting - ja, ist echt eine wahnsinnig gefährliche Praktik...) einschränken, dann fällt mir auf, dass die da besonders auch Sex zensieren wollen, von dem Frauen etwas haben. Ist doch grässlich, vor allem, da es eh schon zu wenig Porn gibt, in dem auf das Vergnügen von Frauen überhaupt geachtet wird.
Und wenn wir jetzt BDSM (im weiteren Sinne) verbieten, was kommt als nächstes? Darf dann demnächst kein Porn mit(/für) Homosexuelle mehr verbreitet werden, weil das anstößig ist? Also, ich finde diese Prüderie, die um sich greift, brandgefährlich.
Und das ist eben nicht nur ein britisches Problem! Vor ein paar Monaten gab es große Proteste dagegen, in Schulen über nicht-heterosexuelle Menschen aufzuklären, und eine große Kampagne vor allem von der FAZ, um Sexualaufklärung zu diskreditieren. Da schreit mir der Heterosexismus entgegen.
Im Moment habe ich die Befürchtung, dass wir in einem reaktionären Backlash gegen alles stecken, was nicht in die Weißmännlichheterociswelt hineinpasst, und ein bisschen Zensur in Großbritannien passt vorzüglich ins europäische Gesamtbild.
Hoffentlich geht es nicht so weiter.

Munro
Orga
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Munro »

While the measures won't stop people from watching whatever genre of porn they desire, as video shot abroad can still be viewed, they do impose severe restrictions on content created in the UK
Zensur ist einfach das falsche Wort. Es wird die Herstellung bereits verboten, es ist also in erster Linie ein Herstellungsverbot. Nur weil es inhaltlich weitergeht als beispielsweise das Gewaltpornografieverbot in Deutschland, wird daraus nicht plötzlich Zensur. Die unbändige Verwendung des Wortes ist der allgemeinen freiheitlichen Sache nur abträglich und vernebelt den Blick auf die hier konkret vorliegenden Tatsachen.

Es verschließt auch Wege der öffentlichen Auseinandersetzung. Wer nur "Zensur" schreit, endet mit seinem Schrei recht unerhört, weil die Diskussion eine andere ist. Die Diskussion dreht sich um die Frage: Welche Art der Pornografie halten wir für zulässig? Dazu gibt es keine vernünftigen Argumente, die bloß vernünftig argumentieren. (Ich hoffe, den Unterschied der Begriffe begreift jeder.) Gesellschaftlich vorherrschende Ansichten spielen immer eine Rolle, und sie dürfen es auch spielen, solange Grundrechte nicht berührt sind. Das unterscheidet dieses Verbot von Homosexuellen-Diskriminierung in Saudi-Arabien. Deswegen gibt es auch keine "rutschige Bahn" vom einen zum anderen.

Trotzdem gibt es sicher gute Argumente gegen solche Verbote. Die können aber erst zum Vorschein kommen, wenn das Zensur-Geschrei endlich aufhört.

Kaoru
Orga
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Kaoru »

Munro hat geschrieben:Gesellschaftlich vorherrschende Ansichten spielen immer eine Rolle, und sie dürfen es auch spielen, solange Grundrechte nicht berührt sind.
Wie erklärst (oder rechtfertigst) du dann die Akzeptanz von männlicher Ejakulation in Pornos, aber nicht die der weiblichen?
Würden die mit weiblicher einfach nicht gekauft werden, okay, da kann man von "vorherrschenden Ansichten" sprechen. Sie zu verbieten spricht für mich eindeutig für eine Diskriminierungspraxis.
Dein Wille ist Gesetz,
deine Worte Religion.
Deine Wünsche sind Befehle
und ich eile schon.

Munro
Orga
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Re: Zensur in England

Ungelesener Beitrag von Munro »

Ich rechtfertige nichts dergleichen, sondern versuche den Rahmen abzustecken, innerhalb dessen die gesellschaftliche Diskussion darüber stattfindet. Es ist auch müßig, die hier offensichtlich bescheuerten Beweggründe für Erklärungen heranzuziehen. Worauf es mir ankommt:

1. Überlegungen zu Grundrechten greifen hier höchstens vermittelt. Eine solche Rückführung müsste nachvollziehbar aufgezeigt werden.
2. Weil diese kategorischen Argumente entweder nicht vorhanden oder nur schwer nachvollziehbar sind oder auf zu umstrittenen Grundannahmen beruhen, müssen die eigenen Argumente notgedrungen auf anderen Überlegungen basieren.
3. Solche Argumente sind wahrscheinlich nicht allgemein zwingend, bzw. die Bejahung der Grundannahmen wird nicht allgemein geteilt sein. Dasselbe gilt aber auch für die Gegenargumente, insofern herrscht Waffengleichheit.
4. Die erste Aufgabe besteht also darin, von gesellschaftlich vorherrschenden Ansichten auszugehen und diese als Grundannahmen der eigenen Argumente zu verwenden.
5. Die zweite Aufgabe muss es sein, diese so zu verpacken, dass sie geeignet sind, die entscheidenden Menschen zu überzeugen.

Die Aussicht auf Erfolg ist gering, wenn die eigenen Argumente gegen den Strom der Zeit schwimmen. Aber das Schwimmen, also das wirkliche Beteiligen an der gesellschaftlichen Diskussion, ist notwendig. Es genügt nicht, von außerhalb ein paar allgemeine Argumente zu Grundrechten zu verkünden. Die hört niemand (weil sie in der eigenen Lebenserfahrung keine Rolle spielen). Notgedrungen muss man sich auf Augenhöhe mit denen begeben, die man braucht.

Deinen Vergleich Gesetzgebung mit dem Markt teile ich nicht. Die Gesellschaft darf sich, unabhängig davon, ob eine Nachfrage nach etwas am Markt besteht, dafür entscheiden, dieses Gut zu verbieten (unter den bereits genannten Einschränkungen).

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