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TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Musik, Filme, Bücher - alles was dort mit BDSM zu tun hat, findet hier seinen Platz

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Munro
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TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Munro » 13. Okt 2014 19:23

Moin!

Nachdem vor einigen Jahren Sasha Grey ständig interviewt wird, geht es jetzt in der TAZ weiter mit Ray DeGrey, ebenfalls BDSM-Model und "Talentdisponentin": http://taz.de/Fetischmodel-ueber-sexuel ... n/!147379/

Mir verschließt sich ihre Botschaft leider. Eine Stelle hat mich aber aufmerken lassen:
Sehen das Ihre Nicht-kinky-Freunde auch so?

Ich habe keine. Kinky sein ist meine Berufung, meine Religion. Kink ist wie eine Blase. Alles, was ich machen möchte, befindet sich in dieser Blase. Ich hänge mit Leuten darin ab und arbeite mit ihnen. Ich will diese Blase nicht verlassen. Denn sobald ich das tue, verurteilen mich die Leute. Sie sind unhöflich, gemein und sehen auf mich herab. Und das hasse ich. Die Leute sind Arschlöcher.
Ich sehe das als zentrales Problem der BDSM-Szene auch in Deutschland: Die meisten haben zwar viel Kontakt mit der Vanilla-Welt, weil kaum einer sich in einer BDSM-Blase bewegen kann, die auch das Geldverdienen umschließt. Dann wären da noch Studium und die Familie. Aber alle anderen Kontakte zu Menschen außerhalb der Szene sind nicht nötig. Spätestens mit dem regelmäßigen Stammtischbesuch bilden sich Freundschaften mit anderen der BDSMlern, oft werden auch Partnerschaften innerhalb der Szene geschlossen oder der Partner in die Szene eingeführt. Auch wenn die meisten noch andere Freunde haben: Die Themen Sex und Partnerschaft werden i.d.R. nur mit anderen BDSMlern diskutiert.

Das ist nämlich zunächst befriedigender, eben nicht gegen Widerstände und Missverständnisse diskutieren zu müssen, sondern recht bald zum Wesentlichen zu gelangen. Gleichzeitig erwarten wir vom Rest der Gesellschaft Toleranz, manche sogar Akzeptanz. Das Ergebnis sind dann solche Interviews oder andere Vorgehensweisen, die strukturell von einem "Wir" ausgehend einen "Rest der Gesellschaft" adressieren, aufklären wollen. Wir wissen es dabei besser als die anderen, denn wir haben als einzige praktisches Wissen, kennen uns mit den Begriffen aus. Wie die Investmentbankern sind wir die Experten, wenn es darum geht, wie unsere Welt am besten sein sollte, welche Überlegungen und Regeln uns wichtig sein sollten.

Dabei leben wir tatsächlich in einer Blase, jeder unterschiedlich stark, aber die Szene an sich ist eine Blase, setzt sich selbst die Regeln des Diskurses. Ich verstehe die Unlust des Rests der Gesellschaft an einer wirklichen inhaltlichen und kritischen Auseinandersetzung mit BDSM; es bleibt beim Oberflächlichen. Nicht nur im medialen, auch im persönlichen Bereich: Wenn wir uns als BDSMler zu erkennen geben, verstehen wir uns als Aufklärer, haben dann aber doch nichts anderes anzubieten als die Ergebnisse jahrelanger Selbstbestätigung. Das ist attraktiv für Menschen, die auf der Suche sind nach der Bestätigung, dass es in Ordnung ist, dass sie so sind.

Außerhalb der Szene gilt das nichts. Dort versuchen wir trotzdem, eine Kopie unseres Szene-Diskurses herzustellen, aber mit viel Glück gelingt uns nur, das Thema hier und da in die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn ein Redakteur gnädig genug war oder gerade ein Buch oder Film erscheint. Dabei ist BDSM nicht nur ein privates Thema von BDSMlern, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Die Möglichkeit zur Diskussion besteht immer; aber sie besteht nicht, wenn wir gegenüber Nicht-BDSMlern so tun, als ob es BDSMler wären, als ob sie dieselben Sichtweisen und Probleme haben müssten wie wir.

Leider ist diese Überheblichkeit und Ignoranz in der Szene vorherrschend und nach außen wirkend, im persönlichen wie im öffentlichen Bereich. Solange das so ist, warten wir vergeblich auf einen gesellschaftlichen Durchbruch, auf mehr Toleranz oder Akzeptanz. Dann bleibt es beim Status-Quo, der sich nur aufgrund einer insgesamt liberaler werdenden Gesellschaft ganz langsam verbessert.

Viele Grüße

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ponos
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von ponos » 13. Okt 2014 19:49

Also meine persönliche Erfahrung ist, dass man mit BDSMlern zwar besser über BDSM-relevante Themen reden kann, das aber längst nicht heißt, dass man trotzdem mit allen Leuten klarkommt.

Wenn es z.B. um Politik oder Beziehungskonstrukte geht, komme ich mit meinen nicht-kinky-Freunden teilweise besser klar als mit vielen (wenn auch nicht allen) Leuten aus der BDSM-Szene. Das merkt man natürlich nicht so sehr, wenn BDSM einer der zentralen Pfeiler seines Lebens ist (wie bei der interviewte Person z.B.), weil man sich dann vielleicht mehr darüber unterhält als über andere Dinge.

Im Allgemeinen halte ich auch die soviel gepredigte Toleranz im BDSM-Umfeld für Augenwischerei. Jeder toleriert das, was er gut findet (und BDSMler finden "mainstream-BDSM" meist gut), aber wenn man dann mal etwas weniger akzeptierte Vorstellungen äußert, schlägt einem oft Unverständnis entgegen.

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känguruh
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von känguruh » 13. Okt 2014 21:51

Ich versteh sehr gut was Munro meint und vielleicht auch kritisiert.
Das ist mir auch schon bei vielen BDSMlern und auch im Ansatz bei mir selbst aufgefallen.
Man bekommt ein wenig das Gefühl nur unter in dieser Blase man selbst sein zu können und bei Vanilla-Freunden oft etwas "verstecken" zu müssen.

Aber das ist eigentlich sehr schade, denn bevor man die Smjg/Stammi/Szene entdeckt hat, war man ja auch mit "normalen" Freunden zufrieden und glücklich.
Die alten Leute kennt man oft schon viele Jahre und hat viel erlebt, deshalb finde ich sollte man diese Freunde nicht vernachlässigen. Nur weil Menschen genauso pervers sind wie wir selbst, dürfen sie meiner Ansicht nach keinen Sympathievorteil haben. Im Reallife sieht das nur leider oft etwas anders aus...^^

Ich hoffe man hat jetzt ansatzweise verstanden, was ich ausdrücken wollte :D

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Kaoru
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Kaoru » 14. Okt 2014 09:19

Ich sehe da kein Alleinstellungsmerkmal von BDSM. Das ist bei Politiksubgruppen (die ständig nur mit ihren Freunden von den Jusos rumhängen), bei Musiksubgruppen ("Niemand anders versteht, warum ich mir dunkle Ränder unter die Augen male und vom Tod singe, deshalb bleibe ich bei meinen Musikbekannten") und bei potentiell allen anderen Subgruppen genauso.
Bis zu einem bestimmten Punkt ist das auch durchaus wünschenswert. Schließelich hat jeder Mensch andere Interessen und Mitteilungsbedürfnisse, die in unterschiedlichen Subgruppen unterschiedlich gut befriedigt werden können. Es ist auch nicht ungewöhnlich und ich halte es auch nicht für schädlich, wenn eine oder zwei dieser Subgruppen für ein Individuum lebensbestimmend oder -strukturierend ist. Warum sollte das auch schlimmer sein, als sich von seiner Arbeitsstelle, der Familie oder ähnliches bestimmen zu lassen?

Problematisch könnte es werden (muss es aber nicht), wenn die einzelnen Subgruppen nicht mehr nach außen kommunizieren, bzw wie sie das tun.
Da gibt es natürlich immer extreme. Sei es ein komplettes Leben in dieser Subgruppe oder eben das permanente nach-außen-tragen von Interessen aus eienr anderen Subgruppe. Ja auch das gibt es. Leute die mir andauernd erzählen, was es neues in ihrem Musikgenre gibt oder BDSM'ler, die mit einer Art Missionierungsanspruch durch ihren Vanilla-Freundeskreis tingeln udn allen Figging erklären, die das eigtl agr nicht wissen wollen.
Und hier liegt mMn, wie so oft, der Hund begraben: Die Mischung machts!
Mit ein wenig emotionaler Intelligenz kann das Individuum versuchen herauszufinden, welche anderen Individuen außérhalb der betreffenden Subgruppe das Thema verstehen könnten, entsprechend langsam heranführen und so einen Einblick geben. Nicht direkt mit in die Szene zerren, aber durch ein Fensterchen gucken lassen, wie das so aussieht. Und der clevere, neugierige Mitmensch zeigt nicht nur anderen die eigene Subgruppe, sondern schaut auch selbst mal durch andere Fenster, um seine Umwelt ein wenig näher kennen zu lernen als durch die Bild.
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Sirenensang
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Sirenensang » 14. Okt 2014 12:23

Ehrlich gesagt finde ich diese von der Taz interviewte Person da ziemlich gruselig, wenn sie so etwas sagt. Ich kenn die jetzt nicht genauer, aber BDSM zur Religion zu erheben hat für mich immer etwas sektenartiges, und das Problem bei Sekten ist, dass deren Mitglieder meistens nicht so gut im Kritisieren und Hinterfragen sind.

Denn mal ehrlich, das einzige, was ich mit den Leuten in der BDSM-Subkultur teile ist BDSM. Das ist das einzige. Und das reicht nicht, damit ich da Freunde finde, denn auch BDSMler*innen können im Spektrum der mit mir inkompatiblen Menschen alles mögliche vom Musikgeschmack bis zur politischen Einstellung falsch machen. Wenn ich mir überlege, mit wie vielen BDSMler*innen ich Kontakt hatte, die sich als rechtsradikal herausgestellt haben...

Ich finde, ausgerechnet BDSM als Alleinstellungsmerkmal für seine Freund*innenwahl zu nehmen, ist eine ziemlich dumme Idee. Und deshalb habe ich schon eine handvoll vanilla-Freund*innen, mit denen es einfach in anderen Beziehungen prima passt. Und auch die kinkigeren Freund*innen können sich mit mir noch über andere Dinge unterhalten.

Andererseits: Es ist nicht unsere Aufgabe, sich freundlich gegenüber Menschen zu verhalten, die uns für krank halten und sich uns gegenüber wie Arschlöcher verhalten. Wenn das die Erfahrung der Interviewten Person ist, dass sie so behandelt wurde, dann kann ich ihr Verhalten völlig verstehen.

Janus
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Janus » 26. Nov 2014 20:58

Ich sehe es immer kritisch, wenn jemand der Gesellschaft unterstellt sie würde einen ausgrenzen. Das passiert meiner Erfahrung nach nur, wenn ein Mensch den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu sehr auf eine Sache in seinem Leben fokussiert und dabei andere Aspekte des Lebens vernachlässigt.
Die Religion, Vereinszugehörigkeit, Hobbies, politische Standpunkte sind dafür gute Beispiele. Besonders schön kann man das z.B. bei radikalen Feministinnen beobachten. Die unterwerfen ihre gesamte Wahrnehmung der Annahme das sie permanent wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden. Da ist die erste Überlegung immer gleich "Der hat mich so abwertend angeschaut, weil ich eine Frau bin, dieser miese Sexist!", auch wenn der Wahre Grund wahrscheinlich ein ganz anderer war.

Was ich sonst zu sagen hatte hat Kaoru schon sehr schön zusammengefasst. Was ich noch zu bedenken geben will ist das auch das Medium in dem der Artikel erschienen ist hier eine große Rolle spielt. Die taz ist genau der richtige Ort um aus einer "Randgruppe" eine Gemeinschaft von Opfern zu machen, das spricht die Leserschaft an und erfüllt deren Erwartung an die Gesellschaft.

mfg
Janus

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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Kaoru » 27. Nov 2014 14:25

Janus hat geschrieben:Ich sehe es immer kritisch, wenn jemand der Gesellschaft unterstellt sie würde einen ausgrenzen. Das passiert meiner Erfahrung nach nur, wenn ein Mensch den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu sehr auf eine Sache in seinem Leben fokussiert und dabei andere Aspekte des Lebens vernachlässigt.
Da sagen Exklusionstheorien in den Gesellschaftswissenschaften (und darüber hinaus) aber etwas anderes.
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Sirenensang
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Sirenensang » 27. Nov 2014 15:59

Auch wenn "Frau sein" oder irgendwas anderes nur ein Teil Deiner Persönlichkeit ist, ist es trotzdem falsch, Dich dafür zu diskriminieren.
Ich mein, es bringt Dir ja nichts, wenn Du Dich in dem Falle darauf konzentrierst, dass Du ja auch weiß und hetero bist, Deine Umgebung vergisst nicht, was Du bist, also kriegst Du weiterhin dafür Diskriminierung ab.
Kannste so un-radikal sein, wie Du willst...

Janus
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von Janus » 27. Nov 2014 17:30

Kaoru hat geschrieben:
Janus hat geschrieben:Ich sehe es immer kritisch, wenn jemand der Gesellschaft unterstellt sie würde einen ausgrenzen. Das passiert meiner Erfahrung nach nur, wenn ein Mensch den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu sehr auf eine Sache in seinem Leben fokussiert und dabei andere Aspekte des Lebens vernachlässigt.
Da sagen Exklusionstheorien in den Gesellschaftswissenschaften (und darüber hinaus) aber etwas anderes.
Okay da habe ich mich missverständlich ausgedrückt.
Ich wollte mich damit nur auf solche Eigenschaften beziehen die mit einer Haltung oder einer Vorliebe korrespondieren. Diese führen meiner Erfahrung nach nur dann zur Ausgrenzung wenn sich die betroffene Person maßgäblich darüber definiert, diese Sache zu ihrem Lebensmittelpunkt erhebt und offensiv gegenüber Anderen vertritt.
Sirenensang hat geschrieben:Auch wenn "Frau sein" oder irgendwas anderes nur ein Teil Deiner Persönlichkeit ist, ist es trotzdem falsch, Dich dafür zu diskriminieren.
Ja das ist richtig, etwas Gegenteiliges habe ich aber auch nicht behauptet.

Worauf ich hinaus will ist das der starke Glaube daran wegen einer bestimmten Eigenschaft, Eigenheit oder Ansicht diskriminiert und ausgegrenzt zu werden fast unweigerlich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Und zwar auch dann wenn man garnicht wirklich diskriminiert wird, es reicht ja das man den Eindruck hat andere Menschen würden einen wegen dieser oder jener Sache diskriminieren. Darum auch das Beispiel mit den Feministinnen, bei denen die radikaleren nunmal dafür bekannt sind für alle Probleme die Schuld in der Diskriminierung durch Männer zu suchen, auch wenn der Hase dort offensichtlich nicht begraben liegt.

mfg
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Re: TAZ-Interview - BDSM-Szene als Blase?

Beitrag von KatzenDame » 28. Nov 2014 13:11

Ich kann mich da Kaoru nur anschließen.
"Do not love somebody who only sees the light in you - love somebody who isn’t afraid of the dark." - Unknown

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