Leopold von Sacher-Masoch - Venus im Pelz

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SevenSins
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Leopold von Sacher-Masoch - Venus im Pelz

Beitrag von SevenSins » 21. Feb 2011 22:45

Ein Klassiker, vorgestellst von Catacomb Kitten

Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz. Mit einer Studie über den Masochismus von Gilles Deleuze, Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1980 (= insel taschenbuch 469).

Das Erscheinen von Leopold von Sacher-Masochs Roman Venus im Pelz löste 1869 keineswegs den Skandal aus, den man aus heutiger Sicht möglicherweise hätte vermuten können. Die geschilderten Phantasien von Unterwerfung, Schmerz und Versklavung erklärte man sich, wie es Gilles Deleuze im Anhang der Taschenbuchausgabe darlegt, aus der „slawischen Seele“ des in Lemberg (Galizien) geborenen Autors, so dass sie keinen Anstoß erregten. Dies ist für den heutigen Leser insofern verwunderlich, dass Sacher-Masoch heutzutage fast ausschließlich als Namensgeber für den Masochismus bekannt ist, jene Perversion, deren Symptome Krafft-Ebing 1886 in seiner Psychopathia Sexualis beschreibt. Sacher-Masoch war mit dieser Verwendung seines Namens nicht einverstanden und hat sich zeitlebens dagegen gewehrt. Eine verständliche Reaktion ist dies deshalb, da das damals schon abzusehende Resultat war, dass Sacher-Masochs literarisches Werk fast vollständig vergessen ist. Zu Lebzeiten war der Professor für Geschichte, der an der Universität in Graz lehrte, noch ein beliebter Bestsellerautor – heute ist er 'nur' noch Namensgeber des Masochismus, und die Venus im Pelz ist das einzige heute noch bekannte und rezipierte Werk.
Dieser Roman ist dafür in der heutigen nicht-kommerziellen BDSM-Szene umso wichtiger, da er den Status eines Klassikers erreicht hat und dementsprechend viel Beachtung findet. Auch muten die Beschreibungen der Passionen keinesfalls verstaubt an, sondern sind erstaunlich modern.
In der Rahmenhandlung besucht der namenlose Ich-Erzähler seinen Freund Severin von Kusiemski, der jenem sein Manuskript aushändigt, welches der Leser gemeinsam mit dem Ich-Erzähler liest und das so die eigentlich Romanhandlung darstellt. In dieser schildert Severin seine Liebschaft mit Wanda von Dunajew, einer reichen und schönen jungen Witwe. Er trägt den Wunsch an sie heran, ihr Sklave zu sein, über den sie nach Gutdünken verfügen kann. Wanda willigt schließlich ein und setzt Severins Phantasien in die Realität um, wobei auch der Pelz aus dem Romantitel als Fetisch eine tragende Rolle spielt. Wanda und Severin gehen nach Florenz, wo sie in einer Art 24/7-Verhältnis leben. Die Liebe ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da sich Vorstellungen und Wünsche der beiden schlussendlich nicht in Einklang bringen lassen.
Der Roman bietet dabei mehr als Phantasien von Machtgefälle und deren Umsetzung, da durchaus auch gesellschaftskritische Töne anklingen: So schließt der Roman mit einem Appell für die Gleichstellung von Mann und Frau, von der man damals noch weit entfernt war.
Abschließend bleibt nur, eine Leseempfehlung auszusprechen, und zwar nicht nur für Femdoms und Malesubs (für die der Roman aufgrund der Konstellation das größte Identifikationspotential bietet), sondern für jeden, der sich auf literaturhistorischer Ebene mit BDSM auseinandersetzen möchte – und für jeden, der eine phantasievolle Liebesgeschichte (ohne schmalziges Happy End) lesen möchte. Auch der Anhang dieser Ausgabe mit Zeitdokumenten und Deleuzes Studie zum Masochismus bietet viel Interessantes.
Wer allerdings einen erotischen Roman erwartet, der wird enttäuscht werden. Die Erotik steht nicht im Vordergrund und muss vom Leser gedanklich mal mehr, mal weniger ergänzt werden. Um es mit Deleuzes Worten zu sagen: „Von Masoch muss gesagt werden, dass niemand mit mehr Dezenz so weit gegangen ist.“

Catacomb Kitten
Wenn zwei Menschen sich treffen, einander gut tun wie verrückt, hinterher nicht mehr durch die Tür passen vor Grinsen - who cares about the fucking definition?

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Lin
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Re: Leopold von Sacher-Masoch - Venus im Pelz

Beitrag von Lin » 13. Mär 2011 19:23

An dieser Stelle möchte ich auch nochmal Werbung für die Hörbuch-Variante machen. Gelesen von Bela B. und Catherine H. Flemming.

Wer auf Stimmen bzw. die Stimme von Bela B. steht der wird hier auf seine Kosten kommen.
Biting's excellent! It's like kissing. Only there's a winner. (Doctor Who - "The Doctors Wife")

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