Beziehung mit Missbrauchstäter

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Aishi
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Beziehung mit Missbrauchstäter

Beitrag von Aishi » 9. Dez 2015 22:43

Huhu,

erst mal sorry, dass ich mit dem Thema ausgerechnet hierher komme, aber ich wusste überhaupt nicht, wo ich das sonst ansprechen konnte, und zu Beziehungen passt es wohl definitiv. Außerdem habe ich so ein bisschen die Hoffnung, dass sich hier vielleicht Leute finden, die mir da weiterhelfen können. Falls ich das jetzt irgendwie völlig falsch eingeordnet habe, tut es mir echt Leid.

So, nun endlich zur Sache selbst: Die ganze Geschichte fängt damit an, dass meine beste Freundin im Frühjahr vergewaltigt worden ist. Den Mann hat sie über Facebook kennengelernt, die beiden haben eine Weile geschrieben und (obwohl ich und auch einige andere Freunde ihr dringend davon abgeraten haben, weil er bereits zuvor ziemlich manipulativ und minimal gestört wirkte, so hat er ihr z. B. Fotos von seinem aufgeschnittenen Arm geschickt) sich letztendlich im realen Leben getroffen. Nach der Aktion hat er sie dann mitten in der Nacht aus dem Haus geworfen.

In den Wochen danach ging es ihr verständlicherweise ziemlich schlecht. Sie hat meines Wissens nur einer Person außer mir erzählt, was vorgefallen ist - zur Polizei wollte sie nicht gehen, obwohl ich ihr mehrfach angeboten habe, das mit ihr zusammen zu machen. Den Kerl hat sie auf Facebook, Whatsapp etc. geblockt und eigentlich geplant, die Sache so auf sich beruhen zu lassen.

Tatsächlich hat sie aber nach einer Weile aus irgendeinem Grund wieder angefangen, mit ihm zu schreiben. Er hat sie, wenn ich das richtig verstanden habe, über Skype kontaktiert, sich bei ihr entschuldigt und gemeint, er würde gerne einen Neuanfang machen und sie neu kennenlernen. Sie hat sich darauf eingelassen (sagt aber, dass sie selbst erst skeptisch war) und meint jetzt, sie hätte das Gefühl, mit einem völlig anderen Menschen zu schreiben.

Sie haben auch über den Vorfall selbst gesprochen; ihm sei wohl eine Sicherung durchgebrannt, als sie ihm gesagt hat, dass sie nicht sein Spielzeug sein will und da er sein Leben lang unter Verlustängsten zu leiden hatte, wusste er sich nicht anders zu helfen. Außerdem tut ihm die Sache natürlich schrecklich Leid. Er ist jetzt auch in Therapie und hat sich von seiner Freundin getrennt, um mit ihr zusammen sein zu können. Gestern hat sie mir dann tatsächlich geschrieben, um mir mitzuteilen, dass sie jetzt mit ihm zusammen ist. Sie sagt selbst, dass sie sich nicht so schnell nochmal von ihm anfassen lassen will und dass er sich wohl sehr darum bemüht, ihr zu beweisen, dass er seine zweite Chance verdient hat. Für sie ist das das Zeichen, dass er es ernst meint.

Das ist so ungefähr der aktuelle Stand, und ich muss sagen, dass ich mich sehr schwer tue, mich mit dem Gedanken anzufreunden. Nach dem einen Treffen haben sie sich nicht wiedergesehen, sondern nur geschrieben, und er hat es ja schon mal geschafft, sie trotz seiner Macken davon zu überzeugen, ein netter Kerl zu sein – wie das ausgegangen ist, habe ich ja oben geschildert. Kurz gesagt, ich habe wirklich Angst, dass sich das Ganze wiederholt. Nach allem, was sie erzählt hat, erscheint er mir nicht gerade wie jemand, dem man vertrauen kann, wenn er irgendetwas behauptet.

Dazu kommt noch, dass sie einfach ein herzensguter Mensch ist, der ihm partout nicht zutrauen will, wirklich etwas Schlechtes im Sinn zu haben. Sie ist davon überzeugt, ihm eine zweite Chance geben zu wollen und ich habe auch das Gefühl, dass sie versucht, sich selbst etwas vorzumachen und sein Verhalten vor sich zu rechtfertigen. Was sie vor einem halben Jahr selbst noch (zu recht) als Vergewaltigung bezeichnet hat, ist jetzt ein „Ausrutscher“, für den er nichts kann.

Ich mache mir wirklich Sorgen um sie. Selbst wenn die Geschichte stimmt und er jetzt dabei ist, sich in einen Heiligen zu verwandeln, kann man ja nie wissen, ob er nicht doch mal rückfällig wird und ihm die Sicherung durchbrennt, wenn sie mal etwas falsches sagt. Und nach dem, was ich bisher von ihm weiß, sieht es für mich auch eher so aus, als würde er versuchen, sie nochmal ins Bett zu kriegen. Nurmöchte ich nicht die Hände in den Schoß legen und einfach zuschauen, wie er sie kaputt macht.

Nun ist die Frage eben, was ich eigentlich tun kann. Ich habe sie schon gebeten, mir seinen Klarnamen, seine Telefonnummer und seine Adresse zu geben, nur so zur Sicherheit. Erstere habe ich bereits, die Adresse will sie mir nachher noch geben. (Kurz gesagt, damit im Zweifel jemand weiß, wohin die Polizei muss, auch wenn es natürlich fraglich ist, ob ich es überhaupt mitbekomme, falls sie in so eine Situation gerät.)

Ansonsten weiß ich aber wirklich nicht weiter. Ausreden kann ich ihr die Sache nicht, und ich möchte nicht viel deutlicher werden, als ich es schon bin – ansonsten schaltet sie am Ende auf stur und redet gar nicht mehr mit mir über so etwas, und das ist nicht gerade Sinn der Sache. Außerdem ist sie nun mal ein erwachsener Mensch, der solche Entscheidungen eigentlich allein treffen muss. Dennoch will ich möglichst darauf aufpassen, dass sie nicht in eine Situation gerät, aus der sie vielleicht nicht mehr rauskommt. Ich erwarte natürlich nicht, dass jetzt irgendjemand das Geheimrezept parat hat, mit dem sich das Problem lösen lässt, aber ich wäre sehr froh, falls es die eine oder andere Idee gibt, wie man hier am besten Schadensbegrenzung betreiben kann – möglichst bevor die Sache so richtig eskaliert. Ich habe schon darüber nachgedacht, ihr anzubieten, sie anfangs sozusagen zu covern, aber das ist ja keine dauerhafte Lösung und ich weiß auch nicht, was sie davon halten würde.

Danke schon mal im Voraus!
Liebe Grüße, Aishi
"What are you? Coward or killer?" "Coward. Any day."

kmsg
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Re: Beziehung mit Missbrauchstäter

Beitrag von kmsg » 10. Dez 2015 00:49

Hey!
Es ist schon spät und ich will jetzt auch nicht unsinnvolle Kommentare abgeben, deswegen: Die Argumentationsstruktur im Sinne erst von Vergewaltigung, dann eher von einem "Ausrutscher" zu sprechen ist ja meines Wissens nicht gerade unüblich für Personen mit Missbrauchserfahrungen. Vielleicht ist es auch ein Versuch, sich selbst irgendwie zu schützen. Ich würde mich an deiner Stelle mal an eine Beratungsstelle wenden, die damit Erfahrung hat. Die können dir besser sagen, ob/was du tun kannst, als das hier im Forum geschehen kann. Es gibt da sicher einige gute Telefonnummern beziehungsweise direkte Anlaufsstellen in deiner Umgebung. Vielleicht können die dich dann auch dahingehend beraten, dass deine Freundin möglicherweise mal mit zu einer Beratungsstelle kommt. Möglicherweise ist sie zu so etwas eher bereit als zur Polizei zu gehen (was sie ja schon abgelehnt hatte).
Ich finde es auf jedenfall super, dass du dich um sie kümmerst und vor weiterem Missbrauch o.ä. schützen möchtest.

Liebe Grüße!

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Sirenensang
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Re: Beziehung mit Missbrauchstäter

Beitrag von Sirenensang » 10. Dez 2015 10:26

Dass Du Dir die Adresse geben lässt, ist schonmal eine gute Sache.
Wenn Deine Freundin da mitmacht, könntest Du versuchen, sie zu covern - heißt, ihr telephoniert regelmäßig miteinander und habt vorher ein Stichwort ausgemacht, und wenn dieses Stichwort in dem Telephonat nicht vorkommt, schickst Du dem Typen die Polizei auf den Hals.
Mir wäre bei der Sache wohl ähnlich unwohl, würde mich aber kmsg anschließen: Such ihr ein paar Telephonnummern raus, und letztendlich muss sie es selber entscheiden - es ist nur wichtig, dass sie so gut informiert ist, wie möglich.
Es wäre also glaube ich(!) auch gut, wenn Deine Freundin genau weiß, was Du davon hältst. Aber das scheint ja schon irgendwie der Fall zu sein.

Aishi
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Re: Beziehung mit Missbrauchstäter

Beitrag von Aishi » 13. Dez 2015 18:44

Huhu,
vielen Dank erst mal für die Antworten.

@kmsg
Die Idee mit der Beratungsstelle finde ich wirklich gut, ich werde mich auf jeden Fall informieren, was es hier in der Nähe gibt, und mich dort erkundigen. Dass ich meine Freundin überreden kann, da mit hinzugehen, bezweifle ich nur leider stark, ein Grundproblem ist ja, dass sie selbst das Problem, na ja, nicht direkt übersieht, sich aber einredet, dass es keines ist, weil er sich ja verändert hat und so etwas nie wieder tun würde. Aber vielleicht haben ja die von der Beratungsstelle dahingehend einen Vorschlag, einen Versuch ist es ja auf jeden Fall wert.

@Sirenensang
Den Gedanken mit dem Covern hatte ich auch schon mal, und ich werde ihr das auch auf jeden Fall vorschlagen. Hierbei ist das Problem nur, dass ich mir nicht sicher bin, wie lange sie das mitmacht - wenn zwei-, dreimal alles gut gelaufen ist, kommt sie vermutlich zu dem Schluss, dass das nicht mehr nötig ist. Dazu kommt noch, dass ich damals, als sie zum ersten Mal erwähnt hat, sich mit dem Typen treffen zu wollen, bereits angeboten hatte, sie zu covern. Sie hat damals auch zugestimmt, ist dann im Endeffekt aber zu ihm gefahren, ohne auch nur irgendwem Bescheid zu sagen. Na ja, vielleicht ist sie jetzt ja ein bisschen vernünftiger, was das angeht, aber eine dauerhafte Lösung ist es vermutlich nicht.
Und ja, sie weiß, was ich von der Sache halte. Wir werden uns nächstes Wochenende treffen, um die Sache einmal in Ruhe durchzusprechen, weil wir momentan fast nur schriftlichen Kontakt haben (ich bin aufgrund meines Studiums umgezogen, daher sehen wir uns kaum). Sie hat immerhin eingeräumt, dass sie anfangs vorsichtig sein sollte, und vielleicht ist sie ja doch bereit, sich bei diesem "vorsichtig sein" ein bisschen helfen zu lassen. Nur wie gesagt, ich sehe hier das Problem, dass sie dann ziemlich schnell zu dem Schluss kommt, das nicht mehr zu brauchen.

Liebe Grüße, Aishi
"What are you? Coward or killer?" "Coward. Any day."

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