BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Hier geht es um die ersten Male, Outing und sonstige Probleme

Moderatoren: Seelenoede, Kuscheltier

Antworten
Beary Nice
Zaungast
Beiträge: 11
Registriert: 13. Jul 2014 20:03

BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Beitrag von Beary Nice »

Ich bin 26 Jahre alt und habe seit mehreren Jahren ein Interesse an verschiedenen BDSM Praktiken.Aber eines der Hauptprobleme ist die Tatsache das ich Asperberger Autismus habe.Obwohl das kommt auf die Situation an.Manchmal verflucht man sich dafür diese Behinderung zu haben.Aber dann denkt man sich wie viel Ärger und unnötigen Aufwand reale Menschen erzeugen.Ein Stammtisch würde ich gerne besuchen aber dann kommt es zu einer langen Diskussion.Und das Ergebnis ist meistens das es ein Irrtum ist das jeder unbedingt einen realen Menschen als Partner braucht.Ich habe eine Objektsexualität entwickelt.Das ist nur aus "logischen" Gründen entstanden.Andere Menschen (meine Familie ausgenommen) haben in der Erinnerung nur ungutes mit mir getan.Aber die Gegenstände die ich bewundere waren immer da.Und an diesen Empfinden wird sich auch nichts mehr ändern.Worauf wollte ich hinaus?Es geht um die Frage ob es sich überhaupt lohnt zu einen Stammtisch zu gehen wenn man nur ein paar karge Sätze zu seiner Situation hat.Und man für Ratschläge wie Therapien nicht offen ist.(Habe Jahrzehnte beim Therapeuten verbracht.Würde mich als übertherapiert bezeichnen.)Nimmt man nicht damit jemanden den Platz weg der wichtiger wäre?
Play this music loud or not at all.As always to the green guy.To hell with any bullshit.

Neoktzchen
Stammgast
Beiträge: 143
Registriert: 13. Sep 2011 21:51

Re: BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Beitrag von Neoktzchen »

Wieso sollte ein Stammtischbesuch zu einer langen Diskusion führen? Wir haben bei uns auf dem Stammi auch jemand der Asperger/Autismus (Bin mir nicht mehr ganz sicher) hat und der musste auch nicht erst mal lange darüber diskutieren. Ebenfalls nimmst du keinen Platz weg. Stammtischplätze sind ja nicht begrenzt. Es kann im Prinzip kommen wer will, so lange er 27 oder jünger ist und mindestens ein Interesse an BDSM. Unterhalte dich am besten mal mit den Orgas von einem Stammtisch in deiner Nähe. Die können dir am besten genaueres zu ihrem Stammtisch sagen, wie alles abläuft und wie die Leute dort so sind ;)

Lowl3v3l
Schreiberling
Beiträge: 43
Registriert: 23. Mär 2012 16:33

Re: BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Beitrag von Lowl3v3l »

Willkommen erstmal^^
Also 1.) du brauchst dir überhaupt keine Sorgen machen jemandem plätze Weg zu nehmen, das geht afaik nicht ( ist ja keine Selbsthilfegruppe sondern gemeinsam spaß haben).
2.) Jede Menge BDSMler haben ordentlich einen an der Klatsche, genauso viele wie im Bevölkerungsdurchschnitt, nur dass man oft offener damit umgeht. Und glaub mir, da gibts deutlich krassere Fälle als Autismus.
3.) Für sexualität und sexuelle Störungen wende ich ein ganz einfaches Kriterium an um festzustellen ob man therapiert werden sollte :
Trifft eins der folgenden zu sollte man Hilfe suchen :
a.) Man leidet erheblich unter der abweichenden Sexualität( Darunter zählt NICHT gemobbt zu werden deswegen etc, da leidet man nicht an der sexualität sondern an der Grausamkeit anderer)
b.) Man ist eine Gefahr für die eigene körperliche und psychische Unversehrtheit( d.h. die Sexualität bringt einen in lebensgefährliche oder permanent/langfristig schädigende Situationen)
c.) Man ist eine Gefahr für die physische und psychische Unversehrtheit Dritter( wieder wie unter b.)

Trifft nichts davon zu würde ich, in übereinstimmung mit dem DSM-IV nicht von einer Therapiebedürftigkeit ausgehen.
Anraten würde ich hilfe auch manchmal bei d.) ( auch wenn das für mich kein hartes Kriterium ist):
d.) Wenn die eigene Sexualität bzw. deren Auslebung einen in konflikt mit dem Gesetz bringt( das gilt bspw. wo Homosexualität strafbar ist dafür NICHT, aber für zwanghaften Exhibitionismus u.U.)


Und nun zu deinen weiteren Ansichten( ich meine recht qualifiziert auch über Asperger reden zu können, habe über Jahre mit Aspies gearbeitet und bei mir stand das auch mal im Raum):
Ich kann, vor allem unter Berücksichtigung dessen wie ich Menschen insgesamt finde, voll und ganz verstehen wenn man nicht allzu viel mit ihnen zu tun haben will, geht mir ja ähnlich.
Ist ein "realer Partner" im Beziehungssinne nötig? Absolut nicht. Weder um deine Sexualität auszuleben, noch aus anderen Gründen. Dennoch rate ich dazu nicht totale soziale Isolation anzustreben, da das oft seinerseits zu Problemen führt. Denn, so leid es mir tut, der Mensch ist nunmal ein sehr von Sozialisation abhängiges Wesen, so blöd das auch sein mag.

Lohnt es sich zum Stammtisch zu gehen? Nunja. Die Menschen dort sind genauso wie im Bevölkerungsschnitt auch, und nicht etwa besser. Aber man hat einen gesicherten Rahmen um sich über BDSM auszutauschen, daher könnte das unter umständen sein. Eine Alternative die dich vielleicht interessieren könnte wäre unser Chatroom im IRC. Ist ebenso ein geschützter Rahmen, aber ohne gleich die volle Dosis Menschen und mit permanenter Rückzugsmöglichkeit.

Beary Nice
Zaungast
Beiträge: 11
Registriert: 13. Jul 2014 20:03

Re: BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Beitrag von Beary Nice »

Danke für die Antworten.Wie die Entscheidung aussehen wird lasse ich noch offen.
Play this music loud or not at all.As always to the green guy.To hell with any bullshit.

Ryugin
Stammgast
Beiträge: 145
Registriert: 26. Jun 2011 16:53

Re: BDSM und wie eine Behinderung den in Weg steht

Beitrag von Ryugin »

Hallo Beary Nice,

Von deinem Posting fühle ich mich angesprochen. Mein Problem ist allerdings nicht, dass ich ein Asperger-Autismus habe, sondern eine andere Form von Behinderung, die sich ebenfalls problematisch auf die Kommunikation auswirkt, nämlich Schwerhörigkeit. Damit ist meine Problematik mit deiner verwandt, allerdings nicht identisch. Ich hoffe, dass dies mir hilft dir gute Anregungen zu geben.
Aber eines der Hauptprobleme ist die Tatsache das ich Asperberger Autismus habe.Obwohl das kommt auf die Situation an.Manchmal verflucht man sich dafür diese Behinderung zu haben.Aber dann denkt man sich wie viel Ärger und unnötigen Aufwand reale Menschen erzeugen.Ein Stammtisch würde ich gerne besuchen aber dann kommt es zu einer langen Diskussion.
Aus deinem Beitrag kann ich deutlich spüren, dass du unter deiner Behinderung leidest und eine große Überforderung verspürst. Wenn man sich selbst verflucht dafür, dass man diese Behinderung hat, dann interpretiere ich das jedenfalls so, dass du in diesem Zusammenhang einen tief sitzenden Schmerz verspürst. Und das bringt es mit sich, dass du die Kommunikation mit den Menschen am Stammtisch wahrscheinlich nicht als befriedigend empfinden wirst.

Wenn du also dich dafür entscheidest nicht zu einem Stammtisch zu gehen, dann wäre das völlig in Ordnung und in Anbetracht deiner Situation auch völlig angemessen.

Der erste Schritt im Umgang mit seiner Behinderung ist der, dass man lernt mit sich selbst im Reinen zu sein. Und dazu gehört, dass man Grenzen und Einschränkungen nicht als persönliche Demütigung, sondern als Normalität betrachtet.

Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen einen extremen Anspruch an sich selbst haben. Jede Krankheit muss therapierbar sein. Wenn möglich sofort. Und am Besten nicht mit Chemikalien, weil Chemikalien sind böse, nein, man muss Krankheiten sanft und ganzheitlich therapieren können. Ich erlebe da in meinem Verwandtenkreis eine Hysterie, die ist unglaublich. Und das Schlimme an dieser Hysterie ist, dass Behinderte darunter an meisten leiden. Weil sie - und da spreche ich aus eigener Erfahrung - den Druck spüren auch ihre "Behinderung" irgendwie therapieren zu müssen - und wenn man sie selbst nicht therapieren kann, so soll man doch ihre Nebenwirkungen therapieren. Meine Mutter ist mit meiner Schwerhörigkeit von einem Ohrenarzt zum nächsten gerannt und wollte alle möglichen Akupunktur-Sachen versuchen in der Hoffnung damit noch ein paar Prozent-Punkte Steigerung erreichen zu können.

Wenn du schreibst, dass du dich selbst für deine Behinderung verfluchst und dass es Leute gibt, "die wichtiger sind", warum auch immer, dann hege ich die starke Befürchtung, dass du einen zu hohen Anspruch an dich hast und dich aufgrund dessen minderwertig fühlst. Und dann wäre dein eigentliches Problem nicht die Behinderung, sondern der Umgang mit der Behinderung.

Als zweiten Schritt schlage ich vor, dass du dir Hilfe holst. Du schreibst, dass du "übertherapiert" bist. Autsch. Du bist bei Deppen gelandet. Auch dieses Problem kann ich aus eigener Perspektive nachvollziehen. Es gibt leider diese Deppen, die ausgerüstet mit dem Standard-Repertoire der statistik-basierten Psychologie der Meinung sind alle Probleme mit Konditionierung, Wochenpläne, Beziehungsmodellen mit Kreis und Pfeilen, Fragebögen usw. lösen zu können. Diese Deppen erkennt man daran, dass die Therapie-Stunden bei denen langweiliges lebloses Geschwafel sind. Wenn du einen guten Therapeuten erwischt - ja, die gibt es! - dann a) verschont er dich mit Fragebögen und Beziehungsdiagrammen und solchem Scheiß und b) sind die Gespräche mit ihm interessant und erfrischend. Ich schlage vor, dass du dir Unterstützung von einem guten Psychologen holst und die Deppen, mit denen du es früher zu tun hattest, einfach vergisst.

Eine weitere Möglichkeit, die ich dir vorschlagen kann und wo du deine eigene Entscheidung treffen musst, ist die, dass du sexuelle Erfahrungen mit einer ausgebildeten Sexualbegleiterin sammelst. Ja, im Ernst, die gibt es! Ausgebildet werden die am Institut für Selbst-Bestimmung Behinderter in Trebel. Und wenn man denkt, die machen alle nur so langweiligen Blümchen-Sex - weit gefehlt! Sehr interessant finde ich das Angebot von Vimala, die eine solche Sexualbegleitung anbietet und dies eben auch im Bereich Fetisch und SM tut. Auf der Seite, die ich dir verlinkt habe, findest du einen Link "Von Tantra zu SM" und dort kannst du dich ja mal umgucken.

Natürlich kann ich dir nur Vorschläge machen. Ich hoffe sehr, dass dir diese Vorschläge helfen eine neue Perspektive in deinem Leid zu sehen. Ich kann natürlich immer nur von meiner Perspektive aus schreiben und die ist begrenzt. Ich würde mich darum über eine Rückmeldung sehr freuen.

Mit besten Grüßen,
Mirko

Antworten

Zurück zu „Hilfe, ich stehe auf BDSM! Was nun?“