schwere psychische Krise in Comeing-Out Phase?

Hier geht es um die ersten Male, Outing und sonstige Probleme

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Neverendingwar

schwere psychische Krise in Comeing-Out Phase?

Beitrag von Neverendingwar »

Hallo an Alle,

Ich wollte mal fragen, wie das für euch war, als ihr erkannt habt, dass ihr auf BDSM steht. Wart ihr in der Comeing-Out Phase auch in einer psychischen Krise? Habe das gelesen bei wikipedia, dass das passieren kann und sogar so weit gehen kann, dass man Suizidgedanken hat oder sogar Suizidversuche macht.
Kam bei euch auch anfangs der Wunsch auf, die Neigung irgendwie loswerden zu wollen, also dass man es ja vllt. wegtherapieren könnte? Habt ihr gegen die Neigung auch gekämpft erst? Bevor ihr es dann akzeptieren und annehmen und in eurer Leben integrieren konntet und dem sogar was Positives abgewinnen könnt.

An alle, die damit anfangsd nicht klar kamen, wie habt ihr es erreicht, damit klar zu kommen?

Also mein Weg war bisher, nach den Gründen zu forschen, warum ich diese Neigung habe. Gestern habe ich in der Therapie etwas herausgefunden, was mit dazu beigetragen haben könnte, was also ein Grund sein könnte - aber anstatt dass es mich erleichtert hat, hat es alles irgendwie noch schlimmer gemacht. Ich schäme mich dadurch jetzt nicht irgendwie weniger.

Was mir bisher geholfen hat: Mit Menschen reden, die diese Neigung mit mir teilen, besonders die persönlichen Gespräche mit meiner besten Freundin.
Außerdem habe ich heute morgen mit den Betreuern aus der Einrichtung geredet, vor allem mit der Einrichtungsleiterin. Meine Angst war, dass sie mich verurteilt und verstößt und mir Vorwürfe macht wie: Wie krass bist du denn drauf?! Das hätt ich jetzt echt nicht von dir gedacht! - aber sie hat mich nicht verurteilt. Sie sagte auch ich muss mich nicht dafür schämen. Dann bin ich einen Schritt weitergegangen und habe gesagt, dass ich den Gedanken habe, es auszuleben in meiner Beziehung, aber mit einem Safe-Word (habe ihr das dann erklärt, weil sie keine Ahnug davon hatte). Im Prinzip wäre das ja ein Mittelweg zwischen zwei Extremen. Denn erstes Extrem: Ich bekämpfe die gedanken und Sehnsüchte. (hab ich mein Leben lang vergeblich versucht) zweites Extrem: Ich lebe es aus aber ohne Grenze ohne Safe-Word (kranke Beziehung mit meinem ersten Freund)
Sie hat gesagt, dass sie es in Ordnung finden würde, wenn das mit dem Ausleben und dem safe-word eine Möglichkeit für mich wäre, die Neigung in mein Leben zu integrieren. Sie meinte wegtherapieren kann man das nicht.
Ich weiß wenn ich es nicht auslebe, dann bin ich ständig damit beschäftigt, die Sehnsüchte runterzudrücken - durch exessiven Sport, der über die körperlichen Grenzen geht also selbstschädiggend ist - oder durch SVV kann ich das zum Teil erreichen. Es hilft gegen die Sehnsüchte. Und mich mit Essen vollstopfen hilft auch. Aber ich will diesen Scheiß Kampf nicht mehr!
Ich hoffe, dass es sich mit der Zeit einfach so entwickelt, dass ich in der Beziehung meine Sehnsüchte ausleben kann. Also mein Freund weiß ja schon davon im Prinzip, nur nicht wie die details aussehen und wie weit die Gedanken ins Extreme gehen. (wobei ich nicht mal weiß, ob ich das Ausleben all meiner Gedanken überhaupt gut finden würde oder ob ich es nur in der Vorstellung anziehend finde)

Leider hat meine Einrichtungsleiterin gesagt, dass sie nicht wollen, dass ich mit ihnen über das Thema Gewalt und Se_ualität rede. Ich muss das akzeptieren und habe gesagt, dass wir es dann bei diesem Gespräch belassen. Ich überlege, ob ich mit der einen Betreuerin auf der Arbeit darüber rede. Aber ich muss mich echt überwinden. Jedesmal wenn ich es jemand erzählen will hab ich vorher Angst, verurteilt zu werden und nicht verstanden zu werden. Ich spreche das immer erst allgemein an. Und an der Reaktion merke ich dann, ob ich weiterreden kann.
Aber ich finde es schade, dass ich mit den Betreuern aus der Einrichtung nicht drüber reden kann, denn sie betreuen mich schließlich. Und wenn es uns schlecht geht, dann sollen wir uns an sie wenden. Naja, aber mit solchen Themen..da fall ich mal wieder zu sehr aus dem Rahmen. Ich bin einfach ne Nummer zu heftig. Ich hatte auch zetweise schon ein Verbot, mit den anderen Betreuten über mich zu reden. Das ist aber schon wieder etwas aufgelockert zur Zeit, war damals wegen dem Suizidthema, Tod und Sterben usw. , was viele nicht ertragen konnten. Mit dem Thema BDSM würde es sogar von den Betreuten jemand aus der Einrichtung geben, mit der ich mich austauschen könnte, aber wenn ihr das dann zuviel ist und es sie belastet, dass sie dann zu den Betreuern geht, dann krieg ich nur wieder Ärger , darum lass ich das mal lieber.

Ich bin nun an dem Punkt, dass ich aufhören sollte, nach gründen zu suchen für meine Neigung. Was bringt es denn? Es macht nichts besser, wie ich ja gemerkt habe. Ich bin voll abgestürzt dadurch und hab mich kein bisschen weniger schuldig gefühlt.

Es ist wohl besser, zu akzeptieren, dass ich diese Neigung habe. Und einen Weg zu finden, damit zu leben und es in mein Leben zu integrieren.
Ich bin für jede Hilfe dankbar.


Neverendingwar

Egianor
WAS IST REALLIFE?
Beiträge: 2092
Registriert: 27. Mai 2010 14:52

Re: schwere psychische Krise in Comeing-Out Phase?

Beitrag von Egianor »

Neverendingwar hat geschrieben:Hallo an Alle,

Ich wollte mal fragen, wie das für euch war, als ihr erkannt habt, dass ihr auf BDSM steht. Wart ihr in der Comeing-Out Phase auch in einer psychischen Krise? Habe das gelesen bei wikipedia, dass das passieren kann und sogar so weit gehen kann, dass man Suizidgedanken hat oder sogar Suizidversuche macht.
Kam bei euch auch anfangs der Wunsch auf, die Neigung irgendwie loswerden zu wollen, also dass man es ja vllt. wegtherapieren könnte? Habt ihr gegen die Neigung auch gekämpft erst? Bevor ihr es dann akzeptieren und annehmen und in eurer Leben integrieren konntet und dem sogar was Positives abgewinnen könnt.

An alle, die damit anfangsd nicht klar kamen, wie habt ihr es erreicht, damit klar zu kommen?
Bevor ich meine Gedanken in der Richtung einordnen konnte, habe ich sehr unter meinen Phantasien gelitten. Sie kamen mir verachtenswert vor und so, als würde ich mich mit ihnen über Opfer von Gewalt lustig machen - was natürlich letztendlich nicht stimmt.
Das ging so weit, dass ich mich gefragt habe, ob mich das potentiell gefährlich mache (nach irgendeinem Amoklauf habe ich mal aufgeschnappt, dass der Täter vorher Gewaltphantasien gehabt hat und ich war verunsichert, ob das auch auf mich zutrifft, auch wenn sich die Gewalt in meinen Phantasien ausschließlich gegen mich richtet) und mich nicht getraut habe, mit meinem Therapeuten darüber zu sprechen, aus Angst er würde mich für völlig verrückt halten.
Ich habe versucht gegen meine Gedanken anzukämpfen, indem ich mir einzureden versucht habe, dass mein Haus meine Gedanken lesen könnte und sie den anderen Häusern in der Straße erzähen würde und sie sich dann immer über mich lustig machen würden, wenn ich durch die Straße ginge. Immer, wenn ich umgezogen bin, habe ich mir vorgenommen, das nächste Haus nichts mehr davon wissen zu lassen.
Geholfen hat das nicht, es führte nur dazu, dass ich mich latent beobachtet fühlte.
Ich habe auch versucht, mir einzureden, dass es mit dem Alter besser würde. So nach dem Motto "mit 16/18/20 ist man zu alt für solche Gedanken, dann werden sie schon von alleine weggehen". Das half natürlich auch nicht und führte nur dazu, dass ich Jahr für Jahr enttäuscht von mir selber war, weil ich älter wurde und die Phantasien nicht verschwanden.
Ich habe versucht, sie mir zu verbieten, einfach an etwas anderes zu denken oder mir Sex mit irgendwelchen Berühmtheiten vozustellen, weil ich davon ausging, dass das das sein, was man eben so macht.

Letztendlich hat Alles nicht geholfen und das einzige was ich davon hatte, war ein angeknackstes Selbstbewusstsein und das Gefühl, wirklich komisch zu sein.

Geholfen hat dann, dass ich über dieses Forum gestolpert bin. Es ist gerade mal etwas über 3 Jahre her, dass ich mich hier angemeldet habe, was mir nicht leicht gefallen ist, ich habe durchaus einige Zeit gebraucht, bis ich mich dazu durchringen konnte. Ich habe die Augen zugepresst, als ich hier auf den "Anmelden"-Button gedrückt habe und mich nicht getraut, meinen Onlinestatus anzeigen zu lassen. Als ich das Formular ausfüllen musste, in das man seinen Benutzernamen und sein Passwort und so einträgt, war ich so überrascht von meinem Mut, dass ich einfach irgendetwas geschrieben habe - das Resultat davon ist jetzt mein Nutzername...
Dann habe ich meiner besten Freundin davon erzählt und war überrascht, dass es sie nicht gestört hat. Zusammen sind wir dann auf einen Stammi gegangen.
Kurz darauf lernte ich dann meinen jetzigen Freund kennen (auf besagtem Stammi, ein Outing war also nie ein Problem).
Ich tue mich immernoch manchmal schwer, mit ihm über meine Wünsche zu sprechen und meine Phantasien kennt er nicht alle und nicht im Detail - muss er aber auch nicht. Aber es hilft mir, ihm von meinen Gedanken und Wünschen zu erzählen und dann zu merken, dass er mich nicht nur nicht für verrückt erklärt sondern ihn meiner Phantasien auch erregen. Es hilft, mich mit ihm auszuleben und zu sehen, dass es nicht nur mir Spaß macht. Mir hilft es, hier im Forum zu lesen und zu sehen, dass es anderen genauso geht wie mir. Es ist nicht nur so, dass ich nicht die einzige bin, die gerne geschlagen werden möchte oder Vergewaltigungsphantasien hat, es gibt auch Leute, mit denen man sich darüber unterhalten kann, mit denen man darüber diskutieren kann, wie man die Dinge am besten auslebt.

Insgesamt geht es mir bedeutend besser mit mir und meiner Sexualität seit ich nicht mehr versuche dagegen anzukämpfen.
Das Murmeltier erwachte am Morgen und beschloss, ans Meer zu gehen. Alle waren dagegen, sein Vater, auch seine Mutter, die Tante und die Geschwister. "Am Meer ist die Freiheit" sagte das Murmeltier und brach auf.
Christoph Miethke Das Murmeltier, das Meer, die Freiheit & das Glück

_RJ45

Re: schwere psychische Krise in Comeing-Out Phase?

Beitrag von _RJ45 »

Ich stecke momentan auch in einer schweren Krise, aber nicht weil ich es habe, sondern weil ich es mit niemandem teilen kann. Ich weiss nun schon seit über vier Jahren, dass ich nicht "normale" Fantasien habe, und seit nun mehr als zwei Jahren weiss ich, dass ich als Mann submissiv bin, also seit meinem 16 Lebensjahr etwa, und nun, seit einiger Zeit, verspüre ich ziemlich starke Frustratrion, weil ich es ausleben möchte, aber nicht kann. Da in der Schweiz wohl alle verklemmt sind und weder nach links noch nach rechts schauen, kann ich auch mit niemandem darüber reden. Wenn ich die Gesprächsthemen meiner Kollegen so mithöre, wird mir buchstäblich schlecht, ab dem Gerede welches durch deutlich zu hohen Pornokonsum zustande kommt. Ekelhaft...

me-la
Vielschreiber
Beiträge: 397
Registriert: 13. Jul 2008 11:31

Re: schwere psychische Krise in Comeing-Out Phase?

Beitrag von me-la »

Mir hat es geholfen aufzuhören zu überlegen, warum ich so bin.
Und die Erkenntnis, dass ich mich nicht outen muss. Meine Eltern zum Beispiel wissen bis heute nicht bescheid, was völlig ok ist, da ich über ihr Sexleben auch nichts weiß und auch nnicht wissen möchte.
Nein: orales Verhütungsmittel.
(Joan Vichers)

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