widerspruch zum christentum?

Hier geht es um die ersten Male, Outing und sonstige Probleme

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jo-cyrielle
Schreiberling
Beiträge: 35
Registriert: 10. Dez 2012 23:55

widerspruch zum christentum?

Beitrag von jo-cyrielle »

hallo liebe leute,

meine bdsm-neigung ist mir jetzt schon etwas länger bewusst (etwa zwei jahre), intensiv damit beschäftigt habe ich mich vor ein paar wochen. Die zeit, in die auch meine Anmeldung hier gehört. Das tat sehr gut, weil ich mir nach einer weile endlich mit gutem gewissen meine neigungen eingestehen konnte (dank lieben antworten und viel lesen in diesem forum :wink: ). Nachdem ich dann auch gute gespräche mit verheißungsvollem ausgang mit meinem Freund geführt hatte (ich war soo erleichtert), dachte ich also, ich bin mit mir in diesem Thema im reinen. Welch ein gutes gefühl.
Vor ein paar Tagen hatte ich dann ein gespräch mit einem Kaplan, der mir den katholischen Glauben ziemlich radikal, teilweise, glaube ich, auch nicht wahrheitsgetreu, erklärte. Jedenfalls bin ich dadurch zum Nachdenken gekommen und die ganzen Zweifel (auch in anderen Bereichen) fingen wieder an, mein schlechtes gewissen hat sachte angefragt, ist sich zum glück aber noch nicht sicher, ob es mich wieder runterziehen will.

Nun schwirren in meinem Kopf wieder Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe.
Wir (also auf Christen bezogen) sollen uns doch nur einem Herrn unterwerfen, dem himmlischen Vater...
"Fleischeslust" ist laut oben genanntem Kaplan sowieso Sünde. Geschlechtsverkehr dient der Fortpflanzung. Ist bdsm da nicht eine "überflüssige und sogar sündige Erweiterung"?
Könnten die ganzen brutalen Fantasien eine Versuchung des Teufels sein?
Widerspricht sich in diesen Punkten bdsm und das Christentum? Gibt es noch mehr Widersprüche? Sehe ich da vielleicht etwas ganz falsch und bin nur noch zu aufgewühlt?
So richtig glaube ich ja nicht daran, dass das sowas böses ist, aber diese Gedanken verunsichern mich schon ganz schön.

Bin evangelisch aufgewachsen und sowieso grade am hinterfragen und zweifeln.

Falls sich jemand da auskennt, ähnliche Erfahrungen gemacht oder sonst einen Rat hat oder auch andere gedankenanregende, blickwinkelauffrischende Kommentare zum Thema, würde ich mich echt freuen. (es gibt halt einen Thread, der sich mit Religion beschäftigt, bei dem ich aber keine Antworten, die die Überschneidung zu bdsm bearbeiten, gefunden habe)

also schonmal danke für's Lesen und alles liebe
...Du blutest für mein Seelenheil, ein kleiner Schnitt und du wirst geil, der Körper schon total entstellt, egal, erlaubt ist was gefällt... >RAMMSTEIN<

Kaoru
Orga
Beiträge: 3611
Registriert: 5. Aug 2006 04:15

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von Kaoru »

Diese Zweifel hatten vmtl viele Christen. Eine Universalantwort kann dir eh keiner geben und meine Theologiekenntnisse sind auch nur beschränkt, aber ich mag dir trotzdem etwas dazu sagen.
Ich bin als Protestant aufgewachsen und ich halte es mehr mit Jesus als mit der Kirche. Ich bin der Meinung, dass das Christentum uns helfen soll und die Worte Christi für jeden verständlich sind und keines Mittelsmann aus der Kirche bedürfen.
jo-cyrielle hat geschrieben:Wir (also auf Christen bezogen) sollen uns doch nur einem Herrn unterwerfen, dem himmlischen Vater...
Echt? Also wir sollen seinen Namen nicht missbrauchen und ihn als unseren einzigen Gott anerkennen. Aber dürfen wir deshalb keine anderen Menschen über uns stellen? Doch ich denke schon.
jo-cyrielle hat geschrieben:"Fleischeslust" ist laut oben genanntem Kaplan sowieso Sünde. Geschlechtsverkehr dient der Fortpflanzung. Ist bdsm da nicht eine "überflüssige und sogar sündige Erweiterung"?
Könnten die ganzen brutalen Fantasien eine Versuchung des Teufels sein?
Geschlechtsverkehr ist Sünde? Warum? Weil es Spaß macht? Dann ist Schokolade essen auch böse und Auto fahren, weil man ja laufen könnte und und und.
Und warum sollte Gott uns keinen Spaß gönnen? Ich möchte nicht an einen Gott glauben, der uns nur bestraft und ohne Spaß vegetieren lässt. Nein ich denke er möchte, dass wir die Schönheit seiner Schöpfung in allen Facetten kennen und lieben lernen.
Dein Wille ist Gesetz,
deine Worte Religion.
Deine Wünsche sind Befehle
und ich eile schon.

Kleea
Zaungast
Beiträge: 11
Registriert: 26. Jan 2013 21:54

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von Kleea »

Ich bin im katholischen Glauben aufgewachsen und glaube auch jetzt noch!

Aber genau wie Kaoru trenne ich auch meinen Glauben vom der Kirche! Ich finde gerade bei den Katholiken ist der Unterschied noch extremer, da man die Kirche nicht gerade als ansatzweise modern und fortschrittlich bezeichnen könnte!

Ich habe mich weniger bei der Frage zu BDSM als zum ersten Mal damit auseinander gesetzt... Warum untersagt das Christentum das, und bin ich ein schlechterer Mensch deswegen? Zu der letzten Frage bin ich zu meiner Antwort: NEIN, gekommen.

Ich sehe das so, warum hat Gott uns jeden individuell gestaltet, warum hat Gott jeden so sein lassen wie er ist?
Die Kirche spricht dem entgegen! Bei mir in der Gemeinde haben wir eine Pastoralreferentin, die wirklich super ist! Sie sagt häufig: Mein Gott nicht! Was die Kirche sagt, muss nicht immer Gesetz sein. In der Bibel steht auch nicht, dass Frauen vor Gott nichts wert sind, oder? Und das Christentum hat dies aber zuerst daraus gemacht... Während alle evangelisch Gläubigen schon weiter sind, hängen die Katholiken dem noch sehr hinterher.

Ich glaube für mich, und ich glaube, dass Gott jeden einzelnen liebt und wertschätzt, egal welche Vorlieben oder Eigenarten er hat. Nur deswegen heißt es ja nicht dass ich ein schlechter Mensch bin, ich bestehle niemanden, ich bedrohe oder beleidige somit keinen und umbringen erst recht nicht!!!

jo-cyrielle, jeder hat seinen eigenen Glauben, und was man aus der Vergangenheit mitnehmen kann, ist, dass im Namen Gottes oder der Kirche schon sehr viel Unheil hervorgerufen wurde, egal welchen Glauben man teilt. Schwarze Schafe gibt es überall. Schlechtes Gewissen braucht man (finde ich) wegen der BDSM-Neigung nicht haben. (Wenn man überlegt was manche Pastoren mit Kindern in Heimen angestellt haben und es den Kindern mit "von Gott gewollt" , "von Gottesmännern ausgeführt" erklärt haben ist das ein Unding!)

Ich hoffe ich habe dich etwas beruhigen können. Wenn du noch Fragen hast, kannst du mich gerne anschreiben!

Liebe Grüße,
Kleea
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Albert Einstein)

Habe immer mehr Träume, als die Realität zerstören kann.

deidre
Dauerposter
Beiträge: 1947
Registriert: 21. Apr 2007 09:54

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von deidre »

In Bezug auf einen anderen Thread habe ich dir bereits eine PM geschrieben. Weil es aber so schoen ist und du diesen Thread eroeffnet hast, hier noch ein etwas aelterer Link, der aber deswegen nicht schlecht sein muss: SM und Christ sein aus unserem Forum. Viel Spass beim Nachlesen.

gothgott

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von gothgott »

ich sage - leben genießen, egal an was man glaubt.

Ryugin
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Registriert: 26. Jun 2011 16:53

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von Ryugin »

Hallo,

es gibt verschiedene Auffassungen vom Christentum. Es gibt Auffassungen vom Christentum, die aus der Bibel eher die strengen Stellen nehmen und die Notwendigkeit der Treue zu Jesus und dem Heiligen Vater betonen und liberalere Auffassungen, die eher die Wichtigkeit der Nächstenliebe betonen. Beide Konstruktionen sind möglich, wenn man von der Bibel ausgeht. Es klingt plausibel, dass in einer Weltsicht, in der Satan vorkommt, auch SM verworfen werden muss. So, wie ich das sehe, hast du in erster Linie das Problem, dass du nicht weißt, wie du mit der Sündenauffassung und dem Teufel und dem ganzen fundamentalistischen Kram umgehen sollst. Das sexuelethische Problem kommt erst an zweiter Stelle. Das Problem wäre also nicht SM, sondern die Ausrichtung deines Glaubens. Und weil dies hier keine theologische Plattform ist, ist hier wohl nicht der richtige Ort, um dein Problem zu diskutieren.

littleSmile
Inaktiv, über Altersgrenze
Beiträge: 67
Registriert: 1. Feb 2010 07:21

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von littleSmile »

Ich hatte auch mal diesen "Konflikt". Ich hab eine Lösung für mich gefunden. Ich trenne auch Kirche und Glauben.

sylvia_allnight

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von sylvia_allnight »

jo-cyrielle hat geschrieben:(...)
Vor ein paar Tagen hatte ich dann ein gespräch mit einem Kaplan, der mir den katholischen Glauben ziemlich radikal, teilweise, glaube ich, auch nicht wahrheitsgetreu, erklärte. Jedenfalls bin ich dadurch zum Nachdenken gekommen und die ganzen Zweifel (auch in anderen Bereichen) fingen wieder an, mein schlechtes gewissen hat sachte angefragt, ist sich zum glück aber noch nicht sicher, ob es mich wieder runterziehen will.

Nun schwirren in meinem Kopf wieder Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe.
Wir (also auf Christen bezogen) sollen uns doch nur einem Herrn unterwerfen, dem himmlischen Vater...
"Fleischeslust" ist laut oben genanntem Kaplan sowieso Sünde. Geschlechtsverkehr dient der Fortpflanzung. Ist bdsm da nicht eine "überflüssige und sogar sündige Erweiterung"?
Könnten die ganzen brutalen Fantasien eine Versuchung des Teufels sein?
Widerspricht sich in diesen Punkten bdsm und das Christentum? Gibt es noch mehr Widersprüche? Sehe ich da vielleicht etwas ganz falsch und bin nur noch zu aufgewühlt?
So richtig glaube ich ja nicht daran, dass das sowas böses ist, aber diese Gedanken verunsichern mich schon ganz schön.
(...)
Liebe jo-cyrielle,
ich weiß es ist echt krass, aber wenn du so direkt fragst, erlaube ich mir auch an dieser Stelle sehr direkt zu formulieren: ja, ich glaube, BDSM ist in der Tat eine Versuchung des Teufels. Aber eine verflixt trickreiche, denn SM hat soooo viel Ähnlichkeit mit wahrer Liebe. Gleich mehr dazu.

Zuerst aber direkt zu Deiner Frage nach der "Fleischeslust": die ist dann Sünde, wenn sie abgekoppelt von einem geliebten "Du" ist, wenn sich also verselbstständigt und/oder wenn sie ungeordnet (weil du katholische Auskunft eingeholt hattest also katholisch: außerhalb der Ehe) ausgelebt wird. Weil die Ehe nach katholischem Verständnis immer offen ist auf Nachwuchs, dient der Geschlechtsverkehr der Fortpflanzung, ist aber natürlich ganz genauso Ausdruck der Liebe. Der Kaplan ist entweder ein Holzklotz oder er hat sich echt ungeschickt ausgedrückt. Also die Liebe wird katholischerseits immer als fruchtbar gedacht. Ansonsten sei sie keine Liebe, sondern eine Art egoistische Selbstbefriedigung zu zweit. OK soviel dazu, weil du das gefragt hast.

So, jetzt aber zu dem viel interessanteren Thema: ist SM und christlicher Glaube vereinbar? Ist es vom Teufel? Meine Antwort: SM ist eine Fälschung wahrer, hingabevoller Liebe vom Teufel. Ein Ablenkungsmanöver.
Also nicht unsere Gefühle, auch nicht die devot-masochistischen oder sadistisch-dominanten sind vom Teufel oder sündig oder schlecht, aber SM als Form des Auslebens dieser Anlage in uns. Denn SM lenkt diese Gefühle, diese Anlage, diese Begabung auf eine falsche Spur. Ich habe mir darüber lange Gedanken gemacht. War selbst ein paar Jahre aktiv in der SM-Szene unterwegs und hatte SM-Beziehungen. Meine Gedanken findest du bruchstückhaft und unvollkommen artikuliert hier:


Ich glaube, so ein Kaplan ist mit einer Antwort auf die Frage, ob SM vor Gott bestehen kann oder nicht (also ob dein Verhältnis zu Gott dadurch gestört wird) ziemlich überfordert, weil er nicht wirklich weiß, was SM ist, wie sich das anfühlt, was damit innerlich gemeint ist. Genau wie die ganzen Deppen (sorry), die immer über die Kirche herziehen und sie überhaupt nicht von innen heraus verstehen, also von etwas reden, was sie gar nicht erkannt haben, sondern nur von außen sehen, genauso geht es auch umgekehrt: so ein Kaplan sieht vermutlich SM nur von außen und kann daher nur so einen Rat geben wie ein Blinder einem Sehenden den Weg erklären kann. Es kann schon funktionieren, aber ist zumindest extrem holprig. Mehr als leicht windschiefe Wegweiser in die richtige Richtung kann man vermutlich nicht erwarten.

Du musst selbst intensiv nachdenken und deinen christlichen Glaube runderneuern, falsche Gottesvorstellungen und falsche Jesusvorstellungen entrümpeln (z.B. Jesus als der immer nette Weichling, der immer zwei Augen zudrückt und alles gut findet, was du als gut beurteilst).
Dann, was du als gläubige Christin auch unbedingt tun musst: das ganze Thema im Gebet mit all deinen Zweifeln und Fragen intensiv und immer wieder vor Gott bringen. Er wird dir bestimmt antworten, wenn nicht gleich, dann wird er dir Antworten in Dein Leben schicken. Was das für eine Anlage ist, die du da hast (diese sadomasochistischen Gefühle und Phantasien), was sie eigentlich für dich bedeutet und was du daraus machen sollst. Ich glaube, es gibt viele Wege, wie du sie ausleben und einsetzen kannst, die Sexualität als Ausdrucksform bringt dich da nur zum Stillstand. Sie befriedigt ein Bedürfnis, aber es ist eigentlich eine Selbstbefriedigung, keine selbstlose Liebe, auch wenn sie gerade im SM so aussieht.
Vielleicht kann mein o.g. Blog dir auch eine erste Inspirationsquelle beim Nachdenken und (wichtiger) Beten sein.

Herzlicher Gruß, sylvia_allnight

[Link wegen unabgesprochener Werbung gelöscht - Kaoru]

Peacemaker
Vielschreiber
Beiträge: 420
Registriert: 7. Okt 2013 20:43

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von Peacemaker »

Ich bin protestantisch getauft, allerdings ist meine Einstellung zu Religion kompliziert, zu kompliziert, als das ich sie hier darlegen könnte oder wollte. Dennoch bin ich gläubig, auf meine Art und mit der evangelischen Kirche hatte ich noch nie Probleme.
Aber mal generell:

"BDSM ist ein Täuschungsmanöver des Teufels?"

Das empfinde ich als absurd.

Ich leben nach dem Prinzip: Wenn es Gott gibt und er etwas dagegen hat, wenn ich BDSM praktiziere, warum hat er diese Neigung dann geschaffen?
Das ist für mich genauso abstrus, wie die Einstellung der katholischen Kirche, dass Homosexualität eine Sünde und abartig (je nachdem, wen man fragt) ist.

lg
Peacemaker
Sie sind unmöglich! - Nein, nicht unmöglich. Nur etwas... unwahrscheinlich. (Dr. Who)

sylvia_allnight

Re: widerspruch zum christentum?

Beitrag von sylvia_allnight »

Peacemaker hat geschrieben:(...)Wenn es Gott gibt und er etwas dagegen hat, wenn ich BDSM praktiziere, warum hat er diese Neigung dann geschaffen? (...)
Hallo Peacemaker,
das ist eine gute Frage. Ja, es gibt Gott, und er hat Deine Neigung geschaffen. Allerdings missinterpretierst du die Neigung. SM als Form, diese Neigung auszuleben ist eine Ablenkung, ein Irrweg (aus christlicher Sicht). Hab ja oben meine "sadomasochistisch" Blog Adresse geschrieben, da kannst du ja mal reinlesen.
Lieber Gruß, sylvia_allnight

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