Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Hier geht es um die ersten Male, Outing und sonstige Probleme

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Jade
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Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von Jade »

Hi Cory,

Ich bin hier inzwischen eher inaktiv, aber dein Beitrag hat mich grade mal wieder motiviert, was zu schreiben^^
Ich lebe TPE und blogge, wenn du magst, kannst du mir eine PN mit deiner Mailadresse schreiben, dann schalte ich dich frei.
Nach der Trennung war ich bei einem Psychotherapeuten, weil mein Drang nach Demütigung so groß war, und ich angefangen habe, mich ein wenig dafür zu verachten, ich wollte normalen Blümchensex haben können, ohne es doof zu finden. Der Therapeut meinte, dagegen könne man nichts tun, das wäre, als ob man einen Homosexuellen "kurieren" wolle.

Aber ich WILL nicht so sein! Es bringt doch nur Probleme mit sich...
Aus eigener Erfahrung und einigen Beobachtungen möchte ich den vorsichtigen Schluss ziehen, dass eine sehr starke Grundneigung sich nicht "löschen" lässt. Es ist allerdings möglich, den Fokus zu verschieben und neue Vorlieben dazuzugewinnen, sodass die "zwanghafte Konzentration" auf einen Einzelaspekt nachlässt.
Es scheint mir jedoch auch so zu sein, dass es viel befriedigender ist, sich einer Neigung hinzugeben, und wenn es, wie in deinem (und meinem) Fall eine ist, die man "problemlos" (sprich: es ist überhaupt in der Realität möglich und vertretbar etc.) ausleben kann, dann wüsste ich nicht, wieso man auf diese mögliche Extase verzichten sollte.

Das mit den Problemen ist nämlich sehr subjektiv... ich finde eigentlich, dass ich es einfacher habe als andere. Das Bekenntnis zu BDSM und das Kennenlernen eines sehr offenen Bekanntenkreises führt dazu, dass man nach und nach immer mehr Dinge akzeptabel findet oder sich einfach die allgemeine Auffassung einer normalen Beziehung ändert, es wird einfach... lockerer.

Eigentlich ist nur die Partnersuche ein bisschen schwieriger, aber wenn man mal jemanden gefunden hat, ist es nicht anstrengender als eine "normale" Beziehung, es ist nur anders. Man hat Probleme, die "normale" Paare nicht haben, aber andersherum hat man auch einige nicht, die andere haben.


Ich fühle mich oft unfrei, und von dem Gedanken beherrscht - wie soll ich ein selbstständiges, freies Leben führen, wenn ich aber doch auch irgendwie von jemandem beherrscht werden möchte?
Wie soll ich eine starke, selbstbewusste Persönlichkeit bleiben/sein, im sexuellen Sinne dann aber abhängig von jemandem? Wo ich es doch schon erregend finde, wenn mich mein Parnter darum bittet, ihm einen Kaffee zu machen?
Du hast ja viele Facetten... du kannst für alle Menschen dieser Welt eine selbstständige und freie Frau sein, aber trotzdem für diesen einen Mann unterwürfig und gehorsam. Das ist kein Widerspruch.

Du wirst sogar feststellen, dass die meisten 24/7-TPE-Subs meines Erachtens nach sehr starke Persönlichkeiten sind und keineswegs schwach oder hilflos. Es zeigt, wie ich finde, vielmehr Stärke, sich zu so einer Neigung zu bekennen, und indem man sich dazu entscheidet, beherrscht werden zu wollen, drückt man ja auch seine Freiheit aus.


Du musst nur so viel Kontrolle über dich geschehen lassen, wie du es möchtest. Es ist ja nicht so, dass man sagt "ja, ich will eine Beziehung, in der ich meine Devotion ausleben will" und am nächsten Tag ist man total rechtelos^^

Du musst dich nicht heute schon für alles entscheiden... wie weit du gehen willst, das entscheidest du "auf dem Weg". Für den Moment ist es nur wichtig, dass du deine Neigung annimmst und lernst, sie zu mögen und nicht als problembehaftet zu sehen. Sie ist etwas, das dir noch viel Freude und Lust bereiten wird - und damit hast du etwas in deinem Leben, das dir Leidenschaft und Adrenalin beschafft, und das ist etwas, worauf man stolz sein kann, oder nicht? Ich finde sogar, dass das ein Vorteil ist ;)

Manche Frauen finden ihr Leben lang nicht heraus, was sie wirklich erregt, und du weißt es schon. Das ist doch etwas sehr Schönes.

Es ist klar, dass man am Anfang Angst hat oder die Vorstellung auch von klischeebehafteten Vorstellungen dominiert wird, aber das wird besser, wenn man sich ehrlich damit auseinandersetzt und es zum Positiven wenden will.
Ich hatte in dieser beschriebenen wundervollen Nacht keinen Orgasmus, das war mehr etwas gefühlstechnisches oder geistiges - wie sollte ich je wieder einen Orgasmus bekommen, wenn mich weniger eine intime Berührung, sondern für ihn Kaffee machen müssen wirklich erregt?
Ich kenne es, wenn Berührungen nichts bringen. Ich hab es schließlich lösen können, aber das würde jetzt hier den Rahmen sprengen. Kurz zusammengefasst: es lässt sich verbinden.

Aber ja, dieser gedankliche Orgasmus ist etwas, nach dem ich auch in einem unheimlichen Maße strebe. Und mit uns viele, viele andere. Es gibt ja auch reine D/s-Beziehungen, die nix Sexuelles enthalten und nur auf dieses Streben nach Macht und Ohnmacht aufbauen... und frag mal, wie viele auf Mindfucks stehen.^^
Masturbation mit Höhepunkt gibt es bereits einfach nicht mehr, ohne dabei zumindest eine masochistische Phantasie zu haben.
Das ist überhaupt nichts Schlimmes. Sieh es so: fast jeder hat etwas, woran er fast denken muss, um zum Orgasmus zu kommen, das mag etwas "Normales" sein, wie etwa daran zu denken, berührt zu werden, oder es kann eben etwas Ausgefalleneres sein. Aber wie gesagt, was normal ist, ist stark subjektiv, und... die Gedanken sind frei ;)

Wie eine 24/7 Beziehung führen, ohne sich dabei komplett selbst aufzugeben

Ein Herr, der dich besitzen möchte, möchte ja nicht eine Fantasiefigur aus dir machen.
Zuerst mal wird er dich mögen, weil du du bist, und viele Eigenschaften auch so schon an dir schätzen.
Natürlich wird es Bereiche geben, in denen du dich verändern wirst, aber ich finde die Vorstellung, dass jemand "nicht mehr er selbst ist", falsch... das habe ich so noch bei niemanden beobachtet, der diese Art von Beziehung führt.

Es ist mehr ein... Optimierungsprozess.

Abgesehen davon kannst du ja auch am Anfang immer bestimmen, welche Bereiche du deines Lebens beherrschen lassen willst und welche nicht. (Klassischerweise werden oft Beruf und Familie, oft auch Freunde, ausgenommen.)


Man ist im Leben ständig zahlreichen Einflüssen ausgesetzt. In einer Beziehung mit Machtgefälle wählt man aktiv seinen Haupteinfluss aus... das ist aber ja nichts Schlechtes.


wie es geheim halten
es gibt einen großen Unterschied zwischen "das geht niemanden etwas an" und "geheim". Ich verstecke auch nicht krampfhaft irgendwas, aber trotzdem muss ich niemandem Fragen beantworten. Es ist eine Facette deiner Sexualität, etwas Intimes, das musst du auch vor guten Freunden nicht ausbreiten.

Man kommt auch oft gut zurecht, wenn man es bei Andeutungen belässt. Meine beste Freundin ist eigentlich echt prüde, deswegen weiß sie zwar das Nötigste, aber ich muss ihr ja auch nicht alles im Detail erzählen, wenn sie es gar nicht hören kann. Damit ist es nicht geheim, aber trotzdem privat - und das ist völlig okay.

Niemand muss sich outen. Das meiste am Machtgefälle ist sowieso Kopfsache und nicht offensichtlich.

'Muss' die Demütigung immer weiter gesteigert werden, um so ein Gefühl wie in genannter Nacht zu haben?
Nein.
Mich machen immer noch die selben Dinge verrückt wie ganz am Anfang (vor fünf Jahren). Durch die Verknüpfung mit zahlreichen Erinnerungen und Gefühlen können auch sehr kleine Gesten wahnsinnig anregend sein.

Dieses "und irgendwann lässt er sich noch umbringen"-Klischee vom nimmersatten Masochisten hab ich noch nie bestätigt gesehen.

Es ist schon so, dass man auf Ideen kommt, die man früher nicht hatte, oder vielleicht nach allgemeingesellschaftlicher Ansicht skandalöse Einstellungen okay findet, oder dass man am Anfang einen Hunger auf immer mehr hat, aber vielleicht ist es einfach so wie bei einer "normalen" Sexualität auch - mal will man es besonders hart, dann wieder sanfter.
Was, wenn mein Partner mal einfach nur kuscheln oder einen Kaffee (^^) möchte, ohne etwas sexuelles dabei zu empfinden, ich mir aber wünsche, schlecht behandelt zu werden?
Joah, das kommt vor, aber ist nicht so schlimm, wie du es dir jetzt vielleicht vorstellst. Kann ja auch passieren, dass du nur kuscheln willst und er heiß auf dich ist ;)

Dann kann man signalisieren, dass man Lust hat (wenn es nicht eh offensichtlich ist), und wenn keine Reaktion kommt, mag das leicht enttäuschend sein, aber das muss man dann eben hinnehmen.


Wenn du einen Partner hast, der deine Neigung generell teilt, dann wird er ja nicht davon genervt sein, dass es dir so geht. Mein Herr hat auch nicht immer dann Lust, wenn mir grade danach ist, rücksichtslos gegen die Wand gedrückt und benutzt zu werden, aber so lange ich nicht total penetrant darauf bestehe, dass ich genau das jetzt haben muss :D , dann findet Er es trotzdem schön, dass ich so ticke und ist nicht genervt oder ähnliches.

Problematisch wird das erst, wenn es ständig so sein sollte - aber auch das ist wie in allen anderen Beziehungen auch: wenn der eine ständig Lust hat und der andere nicht, wird die Beziehung vielleicht nicht lange halten. Das liegt dann aber nicht an der Neigung an sich - beide Präferenzen sind ja nicht falsch, sie sind dann nur einfach nicht kompatibel.





Ich hoffe, das hat dir etwas geholfen. Du kannst mir auch gerne schreiben, wenn du noch Fragen hast... ich glaube aber, dass du auf einem guten Weg bist!

viele Grüße,
Jade

Ryugin
Stammgast
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Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von Ryugin »

@ jade: sehr schöner Post, ich finde es gut, dass du so gut auf die Fragen von Cory eingegangen bist. Auf einen Punkt möchte ich noch eingehen, nicht weil es notwendig wäre, um Cory noch weiter zu helfen, sondern, weil dieser Punkt mir noch etwas unklar ist und meine Neugier erregt.
Jade hat geschrieben:
Wie eine 24/7 Beziehung führen, ohne sich dabei komplett selbst aufzugeben

Ein Herr, der dich besitzen möchte, möchte ja nicht eine Fantasiefigur aus dir machen.
Zuerst mal wird er dich mögen, weil du du bist, und viele Eigenschaften auch so schon an dir schätzen.
Natürlich wird es Bereiche geben, in denen du dich verändern wirst, aber ich finde die Vorstellung, dass jemand "nicht mehr er selbst ist", falsch... das habe ich so noch bei niemanden beobachtet, der diese Art von Beziehung führt.

Es ist mehr ein... Optimierungsprozess.

Abgesehen davon kannst du ja auch am Anfang immer bestimmen, welche Bereiche du deines Lebens beherrschen lassen willst und welche nicht. (Klassischerweise werden oft Beruf und Familie, oft auch Freunde, ausgenommen.)


Man ist im Leben ständig zahlreichen Einflüssen ausgesetzt. In einer Beziehung mit Machtgefälle wählt man aktiv seinen Haupteinfluss aus... das ist aber ja nichts Schlechtes.
Wir müssen zwischen Authentizität und Urheberschaft unterscheiden. Ich hoffe, es wird klar, worauf ich hinauswill. Authentizität bedeutet: Meine eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen fühlen sich echt an, fühlen sich gut an, ich kann mich voll mit ihnen identifizieren. Urheberschaft bedeutet: Ich habe meine Ideen, Gedanken, usw. selbst entwickelt und habe die freie Wahl getroffen sie für mich anzunehmen. Beides muss nicht miteinander übereinstimmen: Wenn ich hypnotisiert bekomme "Du willst eine Bank ausrauben", dann werde ich den Wunsch eine Bank auszurauben als echt empfinden, er kommt aber nicht von mir, sondern von jemand anderen. Das ist jetzt ein etwas skuriles Beispiel.

Und nun meine Frage: Du hast beschrieben, dass man sich in seiner Rolle als Sub total authentisch fühlt. Aber inwiefern ist man noch der Urheber seiner Entscheidungen? Ich persönlich bin nämlich sehr skeptisch gegenüber dem Versuch einen Top zum Urheher des eigenen Lebensentwurfes zu machen. Wenn ich selbstbewusst, authentisch, zielbewusst auftrete oder eine tolle Leistung vollbringe, ist es für mich sehr wichtig, dass ich diese Leistung selbst vollbringe und dass kein Top sie durch mich vollbringt. Natürlich muss das jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie es für sich am besten und am richtigsten hält, aber wenn ich möchte nicht einfach Ausführender eines Lebensplanes sein, das jemand anderer für mich erfunden hat.

Jade
Board-Fanatiker
Beiträge: 510
Registriert: 8. Mai 2007 18:18

Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von Jade »

Und nun meine Frage: Du hast beschrieben, dass man sich in seiner Rolle als Sub total authentisch fühlt. Aber inwiefern ist man noch der Urheber seiner Entscheidungen?
Wenn man seine Entscheidungen abgibt, sind sie natürlich nicht mehr die eigenen. Ist das nicht das Konzept des Besessenseins?
Ich persönlich bin nämlich sehr skeptisch gegenüber dem Versuch einen Top zum Urheher des eigenen Lebensentwurfes zu machen. Wenn ich selbstbewusst, authentisch, zielbewusst auftrete oder eine tolle Leistung vollbringe, ist es für mich sehr wichtig, dass ich diese Leistung selbst vollbringe und dass kein Top sie durch mich vollbringt.

Es ist ein gemeinsamer Lebensentwurf. Man möchte ja besessen werden und sucht sich jemanden aus, der zu diesem Traum passt. Alles weitere - je nachdem, wie extrem man es möchte, in x verschiedenen bis in allen Lebensbereichen - ist kein eigener Entwurf per se mehr, nein.



Denn genau das ist es, wonach manche sich so sehr sehnen - dass sie jemandem folgen wollen.

Es gibt wirklich Leute, die keinen eigenen festen Lebensplan haben, außer dem starken Wunsch, dass sie jemandem vollkommen unterworfen sein wollen... sie wollen dann das mögen, was derjenige mag, und dadurch werden sie glücklich... nicht durch die Dinge an sich.



Und: als Sub/Besitz macht man niemandem zum "Urheber". Man sucht denjenigen nur aus, und den Rest tut derjenige von sich aus, weil er es genauso sehr will. Das ist nichts, was man jemandem aufzwingt oder womit man jemanden überfordert. (Das klingt in deinem Satz etwas danach.)



Außerdem ist es dann immer noch ein Stück eigene Leistung. Es ist zum Beispiel eine Leistung, sich formen zu lassen, so stark zu vertrauen, sich zu öffnen und den Einfluss passieren zu lassen. Und wie gesagt - es ist ja nicht so, dass einem was Künstliches "draufgesetzt" wird, es wird eher das, was schon da ist, erweitert und modifiziert.
aber wenn ich möchte nicht einfach Ausführender eines Lebensplanes sein, das jemand anderer für mich erfunden hat.
as always - es verlangt keiner, dass das jeder verstehen muss ;)

aiko
Orga
Beiträge: 610
Registriert: 14. Mai 2008 17:17

Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von aiko »

Mh ich bin ehrlichgesagt nicht unbedingt Jades Meinung, oder vielleicht habe ich es auch falsch verstanden.

Ich bin der Meinung, dass ich auch in Abhängigkeit von meinem Herren noch authentisch sein kann und einen gewissen eigenen Lebensplan haben kann. Ich kann doch immer noch eine eigene Meinung haben, ich akzeptiere einfach, dass ich die meines Herren über meine stelle. Also ich habe eine eigene Meinung, ich sage meine Meinung auch, aber wenn mein Herr etwas anderes möchte machen wir eben das was er sagt. Und meinen Lebensplan hab ich im großen und ganzen schon, bevor ich eine solche Beziehung eingegangen bin haben wir schon abgestimmt ob unsere Vorstellungen übereinstimmen. Und dann ist da auch noch die Sache, dass mein Herr will, dass es mir gut geht. Wenn er jetzt den Plan hätte Kinder zu bekommen, ich aber keine möchte, wird er mich bestimmt nicht gegen meinen Willen schwängern, er möchte ja auch, dass es mir gut geht.

Alles in allem bin ich bei Jades Ausführungen auch der Meinung, dass es vielleicht missverständlich ist, zumindest was ich erlebt habe fällt das auch oft unter die Kategorie "Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird" also Dom hat ja auch Interesse daran nicht völlig gegen Subs Überzeugungen zu handeln.

Das ist zumindest meine Meinung dazu.

lg aiko

silentsub
Inaktiv, über Altersgrenze
Beiträge: 9
Registriert: 2. Nov 2011 18:27

Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von silentsub »

Hallo Cory,
also ich kann diese Art von Zerrissenheit gut nachfühlen, geht mir ähnlich, wobei es früher viel schlimmen war. Es sind eben zwei Anteile Deiner Persönlichkeit, die
sich scheinbar nicht vereinbaren lassen. Dabei sind es unterschiedliche Bereiche, die sich beim SM berühren und ich finde es nur normal, dass man diese Spannung
für sich auflösen musst. Der eine hat damit scheinbar mehr Probleme, der andere weniger. Wenn der Hirnbereich, in dem Dinge wie Ideale, Gewissen, Selbst-
relektion verankert sind, mit demjenigen, aus denen Triebe, Instinkte etc. stammen, kollidieren, kann ersterer doch eigentlich gar nicht anders reagieren.
Es bleibt Dir als " Arbeit ", da auszugleichen, zu harmonisieren, zu integrieren. Verdrängen ist schlecht, insofern gut, dass Du beide Stimmen deutlich hörst.
Nimm Dich ernst und sei Dir klar, dass Du als ganzer Mensch die Entscheidungen triffst, insofern Du auch bei Dingen, bei denen Deine innere Stimme rebelliert, diese
ernst nimmst. Das heißt aber nicht, ein " entweder- oder " Spiel zu spielen, sondern sich zu fragen, wann ist es ok, wann gibst Du Dich selber im guten Gesamt-
gefühl dem Spiel hin. 24/7 kann man auch mal unter der Absprache spielen, dass Du es beendest, wenn Du merkst, jetzt lehnt sich da in Dir etwas auf. Und Du
gibst ein Signal, wenn es wieder ok ist. Immer solltest Du als ganze Person entscheiden, ist da nur ein Teil von Dir und andere Anteile Deiner Seele werden übergangen,
dann werden diese sich- wie Du berichtest - auf unangenehme Weise bemrkbar machen, weil sie nicht einverstanden sind mit dem, was gerade passiert. Klar, dass
bei SM- Spielen unsere Instinkte, Triebe, animalische Aspekte und Sexualität den Vorrang hat, aber Du kannst es mit Deinen anderen Anteilen in Harmonie bringen.
Dann rebellieren die auch nicht mehr, weil sie merken, es droht Ihnen keine Gefahr. Wenn Du Dir bewußt wirst, dass auch Demütigungen ein Spiel sind, bei dem Du
Deinen Kick bekommst, so erniedrigst nicht Du als Person Dich im ganzen, sondern Du als selbstbewußte Person hast Dich für ein SPIEL entschieden, das Situationen
von Erniedrigung beinhaltet, die Dir was geben. Und die Du, wenn da was kollidiert, auch beenden kannst. Verwechsele nicht Dich als Person mit Deinem Entschluss,
ins Spiel zu gehen. Kommunikation mit dem Spielpartner ist wichtig, ich denke eine wirklich gute gegenseitige Akzeptanz, echter Respekt und menschliche Fein-
fühligkeit können sehr viel ermöglichen und die Basis dafür bilden, dass Du befreiter mitspielen kannst. Insofern bewerte nicht das " schlecht behandelt werden ", das
Dir vielleicht einen Kick gibt als " menschlich abgewertet werden " oder " die Würde verlieren ", denn SM sollte doch idealerweise eingebettet sein in Verständnis und Vertrauen,so dass auch nach dem Spiel sich beide wohl fühlen . Ich wünsche Dir, dass sich bei Dir die Gesamtlage harmonisiert und der Spass Dir erhalten bleibt.
Gruss
silentsub

Ryugin
Stammgast
Beiträge: 145
Registriert: 26. Jun 2011 16:53

Re: Devot aber voller Zweifel bezüglich S/M

Beitrag von Ryugin »

Hallo Jade,

deine Antwort hat mir Stoff zum Nachdenken gegeben. Ich habe unter anderem auch deshalb nachgefragt, um meine Skepsis genau festmachen zu können, die ja bei aller Toleranz und Akzeptanz und Offenheit erlaubt sein muss. Und da ist es gut, dass du eine so klare Position vertrittst, dass gibt mir die Gelegenheit meine vagen Gefühle besser in Worte zu fassen.

Ich glaube, wir haben es einfach mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen zu tun. Von meiner Lebenserfahrung her sträubt sich so einiges gegen dein Modell. Deswegen sind meine Bedenken subjektiv, aber ich hoffe auch verständlich:
Es ist ein gemeinsamer Lebensentwurf. Man möchte ja besessen werden und sucht sich jemanden aus, der zu diesem Traum passt. Alles weitere - je nachdem, wie extrem man es möchte, in x verschiedenen bis in allen Lebensbereichen - ist kein eigener Entwurf per se mehr, nein.
Natürlich gibt es in TPE, 24/7, oder Beziehungen sonstiger Art die verschiedensten Möglichkeiten die Gestaltung der Lebensbereiche mit Sub zusammen zu machen oder eben nicht. Das macht eine allgemeine Kritik natürlich etwas schwierig, man muss immer die individuelle Beziehung betrachten. Darum möchte ich betonen: Ich habe keine Bedenken bei Beziehungen, bei denen sich nicht alles um Unterwerfung dreht, sondern bei der diese Unterwerfung nur ein Teil des Lebens ausmacht und eher etwas spielerisches, nicht etwas Todernstes ist. Bei denen der Partner nicht als großer Meister oder als Guru oder als Person mit besonderer Autorität angesehen wird, sondern als gleichberechtigter Freund, der die SM-Komponente als besonderen Vorzug hat. Ich bin also skeptisch gegen SM als Lebenskonzept, nicht aber gegen SM als Bestandteil des Lebens.
Denn genau das ist es, wonach manche sich so sehr sehnen - dass sie jemandem folgen wollen.

Es gibt wirklich Leute, die keinen eigenen festen Lebensplan haben, außer dem starken Wunsch, dass sie jemandem vollkommen unterworfen sein wollen... sie wollen dann das mögen, was derjenige mag, und dadurch werden sie glücklich... nicht durch die Dinge an sich.
Exakt das meine ich mit SM als Lebenskonzept. Ich bin dir dankbar, Jade, dass du das so deutlich ausdrückst.

"Zu mögen, was derjenige mag", das bedeutet dann doch, dass man sich über den Top lenken lässt, dass man seine Lust und seinen Ehrgeiz auf die Dinge richtet, die vom Top vorgegeben sind. Wenn ich mich beispielsweise für ein bestimmtes Fachgebiet interessiere, dann tue ich dies, weil ich bestimmte Themen dieses Fachgebietes besonders interessant finde, weil es Dinge gibt, die ich darin wissen möchte und besonders reizvoll finde. Wenn ich ein bestimmtes Buch lesen, dann deshalb, weil ich eine poetische Ader habe und darum für die Poesie des Buches besonders empfänglich bin. Anders gesprochen: Um etwas zu mögen, muss ich dafür empfänglich sein.

Ich würde von mir behaupten, dass ich relativ offen bin gegenüber Veranstaltungen, die außerhalb meiner üblichen Bereiche liegen. Ich versuche mich auf sie einzulassen und davon etwas mitzunehmen. Manchmal fällt es mir trotzdem relativ schwer. Mir fällt dann einfach das nötige Wissen/ die nötigen Erfahrungen, um darauf antworten zu können.

Wie ist das nun bei deinem Lebenskonzept? Natürlich kann man versuchen dich mit den Dingen zu beschäftigen, die Top einem vorgibt. Aber man kann sich selbst nicht ausschalten. Man ist darauf angewiesen, dass Top einem die eigenen Wünsche erfüllt. Wenn Top beispielsweise sich brennend für... sagen wir mal Maschinenbau interessiert und Sub hat eine künstlerische Ader, kann aber mit der Denkweise der Naturwissenschaften überhaupt nichts anfangen, dann wird das nie gelingen, dass Top Sub in diese Richtung bringt. Also muss Top dann Sub etwas im künstlerischen Bereich vorgeben, beispielsweise ihm Befehlen, dass er ein Kunststudium absolviert. Nun kann Top ihm aber nicht alles in diesem Gebiet befehlen, da er selber genug zu tun hat, also muss Sub sich selbst damit beschäftigen, sich spezialisieren, Vorlieben für bestimmte Kunstrichtungen entwickeln, usw. Dann macht Sub aber das, was er ohnehin von alleine gemacht hätte, wenn Top nicht da gewesen wäre.

Wofür ist dann Top überhaupt gut? Um das zu tun, was man ohnehin getan hätte, sich dabei aber herrlich benutzt und unterworfen zu fühlen? :)
Oder gelingt es einem tatsächlich seine innerste Charakterstruktur und seine persönlichen Vorlieben so weit zu ändern, dass man auf einmal Maschinen total geil findet, obwohl man sie früher für seelenlose Konstrukte hielt?
Oder sind einem sowohl Maschinenbau als auch Kunststudium total wurscht und man ist glücklich dabei, dass man es für Top tut... und man könnte genauso gut auch Socken stricken und wäre trotzdem glücklich, weil es halt die Socken vom Top sind?

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