Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

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Ralfala
Zaungast
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Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von Ralfala »

Hallo erstmal,

ich würde gerne mal erfahren, wie ihr zum Thema (übermäßiger) Jugendschutz steht.
Bei mir sieht es folgendermaßen aus:

Ich finde Jugendschutz generell gut und wichtig, solange er nicht in übermäßigem Pseudo-Jugendschutz ausartet (ich erinnere nochmal an die Sache mit Jugendschutz.net vor knapp 2 Jahren :? )
Außerdem denke ich, dass der momentan in Deutschland existierende Jugendschutz dringend mal überarbeitet werden sollte.
Z.B. die Altersbeschränkung; eig. dafür da, um Jugendliche vor, für ihre Altersgruppe nicht angemessene Medien/-inhalte zu schützen. Eine (theoretisch) sehr gute Idee. Nur momentan habe ich oft das Gefühl, dass die "Jugendschutz-Macher" (mir fiel kein besseres Wort ein :-D ) davon ausgehen, dass ich z.B. einen Monat vor meinem 16. Geburtstag (wenn ich einen Film ab 16 anschaue), traumatisiert aus dem Kino rauskomm und mind. ein halbes Jahr in psychatrische Behandlung muss. Einen Monat später kann ich die im Film gezeigten Szenen allerdings ohne Probleme verarbeiten. (Was nicht heißen soll, dass ich dafür bin solche Beschränkungen aufzuheben, da durchaus Schäden in der Entwicklung von Kindern auftreten können, falls sie z.B. brachiale Gewalteinwirkung mitbekommen. Nur kann man Jugendliche nicht kategorisch eine dem Alter angemessene Entwicklungsstufe zuschreiben, da sich jeder unterschiedlich schnell entwickelt).
Ein anderer Punkt ist der total konservative Umgang mit Pornos und pornografischem Material. Früher dachte man, dass Pornos Jugendliche in der Entwicklung einer "normalen" Sexualität stören
, da sie alle in einem Porno gezeigten Elemente mit in ihre Sexualität einbauen (vermutlich haben wir alle in unserer Kindheit zu viele Hardcore-Pornos geschaut :D ). Dazu hab ich neulich eine Studie gefunden, die das Gegenteil beweist: general-anzeiger-bonn.de/familie/ratgeber/aktuell/Studie-Pornos-beeinflussen-Jugendliche-wenig-article1041330.html

Und jetzt würde ich gerne mal eure Meinung dazu wissen.

ponos
Board-Fanatiker
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Registriert: 2. Jan 2011 23:48

Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von ponos »

Meine (zugegebenermaßen recht extreme Meinung dazu):
Ich bin ein Fan absoluter Daten- und Meinungsfreiheit, und entsprechend wenig halte ich von Jugendschutz in dem Sinne, dass Menschen der Zugang zu gewünschtem Material vorenthalten wird. Wer sich etwas anschauen will, soll dazu die Gelegenheit haben. Wenn er danach ein gestörtes Sexualleben hat oder im Knast landet, ist das sein eigenes Problem.
Bei uns regen sich die Menschen darüber auf, wenn irgendwo in Marokko (oder wo immer das war) Jugendliche vor Gericht landen, weil sie ein Kussfoto in Facebook hochladen. Hier wird das gleiche gemacht, nur auf einem höherem Level. Das macht es zwar vielleicht quantitativ besser, aber nicht qualitativ.
Jugendschutz in dem Sinne, wie sich der Gesetzgeber das vorstellt, ist sowieso im Zeitalter des Internets absolut unmöglich, ohne Freiheitsrechte massiv einzuschränken. Wenn man ein deutsches Portal dazu zwingt, Jugendliche auszusperren, geht man eben einfach zu einem ausländischen Anbieter, der sich einen Sch*** um deutsche Gesetze schert. Und wenn man im Kino nach 23h keine Minderjährigen mehr reinlässt, dann laden sie sich die Filme eben irgendwo aus dem Internet herunter. Nur dahinter scheinen die Leute "dort oben" einfach noch nicht gekommen zu sein...

atashi
Vielschreiber
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Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von atashi »

Ralfala hat geschrieben: Nur momentan habe ich oft das Gefühl, dass die "Jugendschutz-Macher" (mir fiel kein besseres Wort ein :-D ) davon ausgehen, dass ich z.B. einen Monat vor meinem 16. Geburtstag (wenn ich einen Film ab 16 anschaue), traumatisiert aus dem Kino rauskomm und mind. ein halbes Jahr in psychatrische Behandlung muss. Einen Monat später kann ich die im Film gezeigten Szenen allerdings ohne Probleme verarbeiten.
Wie stellst Du Dir das denn sonst vor? Natürlich wirst Du vermutlich auch mit 15 Jahren und 11 Monaten keine Traumatisierung erleiden, aber soll man deshalb eine Grenze bei 15 Jahren und 11 Monaten einführen? Dann wären viele Menschen ziemlich verwirrt und der nächste würde das Beispiel mit 15 Jahren und 10 Monaten anbringen. :wink:
Ja, solche Grenzen sind willkürlich und treffen vielleicht auf Dich nicht zu. Das ist dann aber Dein persönliches Pech, denn diese Grenzen sollen eben nicht nur Dich als Einzelfall, sondern eine überwältigende Mehrheit abdecken und dabei einfach zu handhaben sein, also hat man sie eben irgendwie um den Dreh rum willkürlich gesetzt. Vielleicht wäre auch bereits 15 Jahre ausreichend, aber das ist eine inhaltliche Frage und sollte m.E. getrennt betrachtet werden.
ponos hat geschrieben:Wer sich etwas anschauen will, soll dazu die Gelegenheit haben. Wenn er danach ein gestörtes Sexualleben hat oder im Knast landet, ist das sein eigenes Problem.
So? Finde ich eine seltsame Vorstellung. Man kann ja schwer abschätzen, was man denn als nächstes zu sehen bekommt und ob einen das jetzt irgendwie schädigt oder traumatisiert. Im Normalfall merkt man es dann, wenns zu spät weil unumkehrbar ist. Ein Filmemacher wird nicht unbedingt angeben wollen, dass ganz zum Schluss eine schockierende Szene eingebaut ist, weil das ja gleichzeitig auch spoilert.
Und gerade, weil Kinder und Jugendliche das i.d.R. noch weniger abschätzen können als Erwachsene, sondern eher impulsartig ihrer Neugierde nachgehen, gleichzeitig aber die Risiken höher sind, genau deswegen gibt es Jugendschutz.
ponos hat geschrieben:Und wenn man im Kino nach 23h keine Minderjährigen mehr reinlässt, dann laden sie sich die Filme eben irgendwo aus dem Internet herunter. Nur dahinter scheinen die Leute "dort oben" einfach noch nicht gekommen zu sein...
Dass ein Kino nach 23 Uhr keine Minderjährigen mehr reinlässt, hat wohl weniger mit dem Inhalt zu tun als mehr mit der Tatsache, dass Minderjährige zum Zeitpunkt des Filmendes draußen nicht mehr allein herumgeistern sollen. :wink:

Und auch ganz allgemein bin ich für Jugendschutz im Kino. Ja, dann saugen sich Minderjährige den Film eben aus dem Internet, aber da schauen sie sich den wenigstens nicht auf einer riesigen Leinwand mit heftig lautem Surround-Sound an und können ggf. auch eher abbrechen, wenns persönlich zu heftig wird.


Also ja, ich bin theoretisch für Jugendschutz.

Diskussionswürdig finde ich allerdings die genauen Inhalte (z.B. der angesprochene prüde Umgang mit pornografischem Material) in Relation zum jeweiligen Alter.
Und absolut schrecklich finde ich die derzeitigen Versuche, auch im Bezug auf das Internet, bei denen versucht wird, diesen Jugendschutz krampfhaft staatlich durchzuboxen (auf Kosten aller), obwohl bei den Eltern ein ganzes Stück Eigenverantwortung liegen sollte. Oder man zieht es gar als Scheinargument für freiheitseinschränkende Maßnahmen heran, wenn Terrorismus grad mal nicht als Totschlagargument zieht. :?

Kurz: Da gehört noch einiges geändert.

HoneyBunny
Schreiberling
Beiträge: 111
Registriert: 16. Jul 2012 20:27

Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von HoneyBunny »

Ich bin generell auch für Jugendschutz. Allerdings finde ich die Grenzen mit 6, 12 oder 16 Jahren etwas "schwachsinnig". Jedes Kind entwickelt sich anders schnell. Manche Kinder verkraften schon mit 12 Szenen aus Filmen oder Videospielen, die ab 16 sind und manche 16-Jährige sind nicht reif für Filme ab 12. Eine Empfehlung finde ich aber immer noch sinnvoll, um zumindest grob einzuschätzen, in welchem Alter man sich etwa befinden sollte, um die Inhalte zu verstehen und zu verkraften (vor allem für Eltern, wenn sie ihren Kindern was kaufen wollen).

Die Grenze von 18 Jahren muss meiner Meinung nach bestehen bleiben und ist auch gut so. Mit 18 Jahren findet ein "Schnitt" im Leben statt, man hat mehr Rechte und auch mehr Pflichten. Man ist nun offiziell erwachsen. Mit 17 Jahren und 11 Monaten ist man das nicht - auch mit einem erwachsenen Verhalten nicht! (Obwohl so ein Verhalten natürlich wünschenswert ist :wink: ) Ich finde es ehrlich gesagt schlimm und unverantwortlich, wenn kleine 11-Jährige schon GTA V spielen und noch nicht verstehen, was die nackten Frauen Bordells sollen oder man so einfach Waffen kaufen und willkürlich Leute erschießen kann. (Ich habe kleine Geschwister, daher weiß ich das.) Es ist unverantwortlich von den Eltern, die ihren minderjährigen Kindern solche Spiele kaufen, nur damit sie beschäftigt sind und die Eltern ihre Ruhe haben! Allerdings sollten gewisse Zensuren von Inhalten in Spielen oder Filmen, die bereits eine Einstufung ab 18 haben, verboten werden. Ich finde es einfach frech, Erwachsenen etwas vorzuenthalten und ihnen vorzuschreiben, was sie sehen dürfen und was nicht! Wer weiß nicht, dass aus dem Mensch Blut fließt, wenn ich mit einem Messer auf ihn einsteche? Warum sollen Leichen nicht auf dem Boden liegen bleiben, sondern verschwinden? Warum sollen sterbende Gegner keinen Laut von sich geben, wenn sie verletzt werden? Der Gag (nein, nicht der, worum es hauptsächlich in dem Forum geht :D ) ist ja, dass sowas (meist) zensiert wird, weil man genau weiß, dass auch Kinder sowas sehen können. Aber das liegt in der Verantwortung der Eltern! Eltern haben die Pflicht ihre Kinder auf das Leben "da draußen" vorzubereiten, aber müssen sie auch eine bestimmte Zeit lang davor schützen! Eltern können ihr Kind nicht einfach vor den Rechner setzen und sie auf das Internet loslassen, um sich danach zu wundern, was die Kinder für einen Scheiß dort machen! Aber ich schweife etwas ab :-D

An sich ist Jugendschutz (NUR Jugendschutz, nicht "wir schützen auch alle Volljährigen") also notwendig, nur wie er praktiziert wird, sollte überarbeitet werden.

ilimitada
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Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von ilimitada »

Ich gehöre zu den eher zart besaiteten Menschen, was diesen ganzen Horrokram angeht.
Sprich: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die FSK 16 Filme schon mit 15 vertragen hätte, sondern eher, dass ich damit nochmal 2 Jahre hätte warten sollen. Das im Nachhinein. Faktisch habe ich mir mit 12 mit meiner besten Freundin Horrorfilme mit FSK 16 oder FSK 18 angesehen, die uns ihr Bruder besorgt hat. Genau dasselbe ist es mit Alkohol, Zigaretten und Pornos (und alles, was noch so unter den Jugendschutz fällt). Ob man das erst ab einem bestimmten Alter darf ist ziemlich irrelevant, es gibt immer Möglichkeiten, sich das weit unter dem Alter zu besorgen. Und dass die Grenze willkürlich festgelegt ist: Ja, absolut. Aber, es wurde schon gesagt, wie will man das auch anders tun? Ich finde zum Beispiel, mit 18 sollten die meisten Menschen noch nicht wählen dürfen (und finde die Bestrebungen, das Wahlalter auf 16 zu senken, wie es ja z.B. bei Landtagswahlen in BaWü schon ist, ganz schön doof). Alkohol sollte meiner Meinung nach erst mit 21, wie in den USA, ausgeschenkt werden. Und Pornographie, dazu gleich mehr, bei "netten" Dingen ohne Altersbegrenzung. Ich finde, Sex hat ganz generell nicht so dieses Vernichtungspotential wie Drogen oder Horrorfilme. Das soll nicht heißen, dass ab jetzt in jedem Wohnzimmer vor den 5-jährigen Kindern Pornos geschaut werden sollen. Aber dieses "Nur für Erwachsene" reproduziert meiner Meinung nach den Gedanken, dass Sex etwas böses, schlechtes ist, etwas, wofür man sich schämen muss, etwas, wovor man beschützt werden muss - und nimmt damit inbesondere Heranwachsenden die Chance, ihre Sexualität als etwas ganz normales und positives anzunehmen. Und dass diese Scham zu Missverständnissen, Schwangerschaften und sexuell übertragbaren Krankheiten führt müssen wir ja nicht erst diskutieren. ;)

Also, das wäre so meine Idee: Wählen, Horrorfilme und Alkohol/Zigaretten ab 21, Pornos ohne Altersbeschränkung.
Allerdings leben wir 1. nunmal in einer repräsentativen Demokratie, und ich bin relativ zuversichtlich, dass diese Altersgrenzen, so willkürlich sie auch scheinen und so sehr sie das letztendlich auch sein müssen (weil sich jeder anders schnell entwickelt), irgendwo doch demokratisch legitimiert sind. Sprich: Da werden sich Menschen aus der Wirtschaft, der Psychologie, der Erziehungswissenschaft etc zusammengesetzt haben und herausgefunden haben, dass das Erschießen von Menschen im Film für den durchschnittlich 16-jährigen okay sind, für den durchschnittlich 12-jährigen aber nicht. So als Beispiel.
Ich finde es gut, wenn die Diskussion weiterläuft, weil diese Regeln ja relativ alt sind und sich sowohl kulturell soviel ändert als auch wissenschaftlich neue Erkenntnisse zur Diskussion beitragen, aber generell bin ich für die Altersgrenzen.
2. Finde ich es bei dieser Durchsetzungsfähigkeit der Regeln (nämlich quasi keiner) fast schon ein wenig lächerlich, sich um Altersgrenzen zu streiten. Mir kam es IMMER, ob mit 11, 15 oder 17 so vor, als könnte ich alles das, was ich will, auch haben - Alkohol, Horrorfilme oder Pornos. Das ganze hat sich durchs Internet noch etwas dramatisiert, aber es wäre auch vorher kaum ein Problem gewesen, an irgendetwas ranzukommen, wovor mich der Jugendschutz schützen wollte. Wie ich das finde? Weiß ich nicht. Einerseits legt das die Verantwortung zu einem großen Teil wieder in die eigenen Hände "Du solltest das nicht tun, es könnte schlecht für dich sein, aber wenn du unbedingt willst, kannst du" kommt ja der liberalen Utopie von ponos ziemlich nahe.
Andererseits kann, das wurde auch schon gesagt, nunmal nicht jeder (und wahrscheinlich die Meisten nicht) diese Verantwortung für sich selbst übernehmen - mit 12! Wieviel Reflexion und Weitsicht wird denn da von Kindern erwartet? Deshalb bin ich in erster Linie für eine strengere Durchsetzung von Regeln - ob die Regeln selbst dann zu streng sind ist wieder eine andere Frage.

So, und jetzt nochmal zu den Pornos:
Ich hatte oben schon angesprochen, dass ich "nette" Pornos für absolut positiv für die Entwicklung von Jugendlichen halte. Was ich damit meine, ist, man kann es nicht anders sagen, Kuschelsex. Gleichberechtigung, aufeinander warten, aufeinander aufpassen, Konzentration auf den ganzen Körper statt bloßer Penetrationsfixiertheit usw.
(Dass BDSM auch unglaublich viel mit aufeinander aufpassen, Grenzen akzeptieren usw. zu tun hat, ist finde ich eine ganz andere Geschichte - denn das wird durch Pornos selten vermittelt - und wenn, dann wird es dem 12-jährigen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht klar)
Das gibt Jugendlichen, die zwar total Bock auf sowas haben, aber auch voller Unsicherheit sind, garnicht wissen, wie das abläuft usw. eine Orientierung - aha, so läuft das in etwa ab, sowas ist möglich. Quasi die Aufgabe, die Dr. Sommer versucht zu lösen. ;)
Anders sieht es meiner Meinung nach dann aus, wenn sich Kinder und Jugendliche ( - ich rede hier jetzt mal von denen, die Pornos sehen, bevor sie eine halbwegs gefestigte sexuelle Persönlichkeit haben, also schon sexuelle Kontakte gemacht haben, wissen, was sie mögen, eine Ahnung davon haben, wie etwas für ihren Sexualpartner sein könnte etc - ) Pornos ansehen, die so auf den Startseiten von vielen Pornoanbietern rumlungern. Ich hab jetzt eben mal eine Pornoseite aufgerufen - da haben wir 5 mal einseitigen Oralvekehr, also nur Blowjobs, 4 mal Sex mit mehr als zwei Beteiligten und 2 mal Analsex. Der Rest bedient sich einer Menge Sexspielzeuge, hat große Altersunterschiede, ist "interracial" oder homosexuell. Es ist schön, dass wir so eine große Bandbreite haben, insbesondere, was die Homosexualität und die unterschiedlichen Hautfarben angeht. Aber Fakt ist doch: Das, was man da sieht, entspricht selten dem, was Jugendliche erfahren. Und meistens auch dem, was sie sinnvollerweise auch nicht sofort erfahren sollten. Viel von dem, was auf Pornoseiten gezeigt wird, wäre selbst für mich noch ne krasse Sache und ein seltenes Erlebnis. Und wir sind noch nicht in der BDSM-Sparte angelangt, nur auf der Startseite.
Es ist doch so:
1. Pornos zeigen Extremsituationen. Das normale Päärchen hat nicht immer so wilden Sex, das ist eher mal die Ausnahme. Auch bei "Amateurvideos" darf man davon ausgehen, dass die nicht zweimal am Tag genau so ficken.
2. Pornos sind in ihrer großen Mehrzahl von Männern für Männer gemacht. Es gibt zwar oft schon "Femals Choice" Sparten, aber daran sieht man ja nur, dass alle anderen Sparten wohl offensichtlich "Males Choice" sind. Das ist vielleicht in einem Forum wie diesem hier insbesondere für männliche dominante und weibliche devote Menschen nicht so nachvollziehbar oder schlicht nicht so auffällig, aber in den meisten Pornos ist eine starke männliche Dominanz zu sehen (was einem ja ruhig entgegenkommen darf, tuts mir auch). Das fängt an bei einseitigem Oralsex, geht weiter über Ins Gesicht spritzen und hört auf bei Dirty Talk und Schlägen. Für BDSM affine Menschen mag ein "Ich spritz dir jetzt ins Gesicht, Hure" auch für die Frau eine erfreuliche Szene sein. Und die meisten erwachsenen Pornokonsumenten können das dann doch zumindest von der Realität außerhalb von Sex und meistens auch von der Realität in ihrem Bett trennen.

Kinder und Jugendliche können das nicht!
Wenn man gerade dabei ist, seine Sexualität zu entdecken und nichts, garnichts über eigene Vorlieben und Möglichkeiten, in denen sich Sexualität abspielen kann, weiß, dann ist das sehr, sehr prägend. Im Internet besteht Sex also aus Blowjobs, schmerzhaftem Analsex und ins Gesicht spritzen - aha. Und wenn meine Parternin das nicht will, ist sie ne verklemmte Schlampe. Sagt Sido, sagen die Pornos, sagen meine Kumpels. Dann muss es ja stimmen.
Ich will damit nicht sagen, dass diese Pornos nicht auch ihre Berechtigung hätten. Aber ich habe das Gefühl, dass die Bandbreite doch sehr eingeschränkt wird durch diese dominanten Diskurse darüber, wie Sex sein sollte. Ich habe mich vor kurzem selbst dabei erwischt, wie ich dachte, dass eine gute Freundin von mir doch ne prüde Schrulle ist, weil sie nicht gerne bläst und es dann einfach nicht macht. So ein Quatsch! Das ist genau die richtige Reaktion - ich mag es nicht, also mach ich es auch nicht. Fertig. Das mag im BDSM ein wenig anders sein, aber wenn wir von der überwältigenden Mehrheit von Heranwachsenden sprechen, dann wollen wir doch, dass sie ihre Grenzen verteidigen können und ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen klar definieren und durchsetzen können. Ich glaube, das wird extrem erschwert durch diese männlich dominierte, extreme Pornoindustrie. Wenn die Pornowelt schon Menschen, die aus der Pubertät raus sind und wissen, was sie gut finden und was nicht, so beeinflusst in ihrer Wahrnehmung von "normaler" Sexualität, wie soll es dann den 12-Jährigen gehen, die grade eh total haltlos und verloren sind und pornographische Elemente nich mit der Realität abgleichen können?

Ich finde, "Gewaltpornos" im weitesten Sinne, haben eine Berechtigung. Für Erwachsene. Und am besten mit einer Warnung vorne dran wie sie zum Beispiel die onlineportal hat: Achtung, das ist ganz schön krass. Weißt du, dass wir nur so tun als ob? Gut, komm rein.
Du weisst es nicht? Na dann, lies dir doch erstmal das hier durch, damit du es nicht falsch interpretierst.
Du bist unter 18? Hier ist, in deren Fall, die SMJG.

Die Studie hab ich mir übrigens durchgelesen: Da stand nur was zu
[...] riskante Sexabenteuer: [...] mit jemandem zu schlafen, den man online kennengelernt hatte, häufige Partnerwechsel oder jemanden für Sex zu bezahlen.
Also nichts zum Thema: Wie gehe ich mit meiner Partnerin oder meinem Partner um, wenn wir zu zweit sind?
Fühle ich mich unter Druck gesetzt, alles so machen zu müssen wie die Menschen in den Pornos?
Würde ich gerne ganz anderen Sex haben als die da zeigen, glaube aber, dass das irgendwie unnormal ist? etc.

Das sind die wirklich drängenden Fragen, glaube ich.
Und weil Pornos eben nicht bullerbümäßigen Kuschelsex zeigen sondern gewalttätigen Sex, sollte er für Kinder komplett verboten sein - und das auch durchgesetzt werden :)
Jeden Tag beginnt der Nachrichtensprecher seine Sendung mit "Guten Abend".
Er braucht 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist.

Munro
Orga
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Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von Munro »

Beim Jugendschutz schätzen wir die Risiken völlig falsch ein: Die gefährlichen Einflüsse auf Kinder und Jugendliche sind so alltäglich, dass sie ignoriert werden, sowohl vom Gesetz als auch von Eltern; und Einflüsse, die entweder nur in seltenen Fällen zu Schäden führen oder höchstens harmlose und vernachlässigbare Wirkung auf die Entwicklung haben, solche Einflüsse prägen den sogenannten Jugendschutz.

Mit Abstand Nummer eins der entwicklungsschädigenden Einflüsse sind Eltern. Eltern, die ihre Kinder vor dem Fernseher abstellen, damit sie selbst ihre Ruhe haben; die sich keine Zeit für ihre Kinder nehmen, nicht ihre Neugierde wecken und sie später nicht begleiten, wenn sie in die Schule gehen, sich nicht freuen für ihre Erfolge, ihnen keine Nähe und keine Geborgenheit geben; Eltern, die die Luft in ihrer Wohnung mit Zigaretten vergiften, die selbst kaum drei vernünftige Sätze am Stück sprechen können und so Sprachkrüppel erzeugen, die auch später sich nicht artikulieren können. Aber auch Eltern, die sich einen Dreck dafür interessieren, ob ihre jugendlichen Kinder stundenlang am PC sich Pornos geben; Eltern, die zu faul sind, ihre älteren Kinder Freitagabend selbst zur Party zu fahren und abzuholen, damit sie nicht im Auto irgendwelcher besoffenen Raser sitzen.

Haben Pornografie, Gewaltpornografie (deren Verbreitung in Deutschland übrigens absolut verboten ist), Horrorfilme, Alkohol und andere Drogen möglicherweise negativen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes? Sicher. Ist dieser Einfluss überhaupt nur feststellbar, wenn das Kind gleichzeitig in einem intakten Umfeld aufwächst, Bezugspersonen hat, die sich kümmern, denen es vertrauen kann und die im Zweifelsfall verhindern, dass der Einfluss solches Konsums zu groß wird? Sicher nicht. Ein Glas Wein zum Abendessen hat noch keinem Jugendlichen geschadet, und selbst starker Pornokonsum im Jugendalter hält den Jugendlichen höchstens davon ab, an die frische Luft zu gehen.

Grundsätzlich verwechseln Laien bei solchen komplexeren Zusammenhängen gerne Ursache und Wirkung, oder schreiben Ereignissen eine Ursächlichkeit zu, die sie gar nicht haben. Der Jugendliche sieht Frauen nur als Sexobjekte und nicht als Menschen? Muss ja an den Pornos liegen. Dass der Vater in seinem Umgang mit anderen Frauen jahrelang kein Vorbild war, fällt leicht unter den Tisch oder will lieber nicht gesehen werden. Schuld anderen zuzuschieben ist eben leichter, gerade wenn das andere nicht mal lebendig ist sondern irgendeine abstrakte unbeherrschbare Einflussgröße. Insofern ist Jugendschutz dem Jugendschutz sogar hinderlich.

Die einzige Wirkung des Jugendschutzes ist heute: Filmemachern und Webseitenbetreibern aus Deutschland das Leben schwer machen. Drogen werden so oder so an Jugendliche verkauft, Pornos und Filme so oder so gesehen, Spiele so oder so gespielt. Und das alles im selben Ausmaß wie ohne Jugendschutz. In Zeiten des Internets für die Massen, also sagen wir mal seit 15 Jahren, erst recht. Sind die heute 20- bis 30-Jährigen alle Krüppel geworden? Wo sind denn nun die ganzen gefährlichen Auswirkungen geblieben von dem ganzen schlimmen Zeug, das wir alle seither frei sehen konnten (sofern wir einen IQ von über 50 und einen PC mit Internet hatten)?

Bis auf ein paar grundlegende Verhaltensregeln für Rundfunk, Webseitenbetreiber, Veranstalter öffentlicher Veranstaltungen, Kneipenwirten und Supermärkten braucht es keinen Jugendschutz. Dass es keinen braucht, liegt daran, dass er schon jetzt keinen Unterschied macht, dass die Ursachen für Probleme bei der Entwicklung eines Kindes sowieso woanders liegen und das scheinbar entwicklungsgefährdende Zeug eben gerade das nicht alleine ist, sondern höchstens Wirkungen verstärkt, die ganz andere Ursachen haben.

ilimitada
Stammgast
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Re: Jugendschutz - Welcher Jugendschutz?

Beitrag von ilimitada »

Das ist ein toller Beitrag, Munro.
Aber ich verstehe noch nicht so ganz, warum die Diskussion über den Jugendschutz (also, den staatlich institutionalisierten) unnötig wird.
Man kann Eltern nicht ihre Kinder wegnehmen, jedenfalls nicht in dem relativ liberalen Staat in dem wir leben (und mit dem die meisten auch einverstanden sind). Und solange Kinder nicht Kibbuzmäßig von der Gemeinschaft erzogen werden kann man an den Einflüssen durch Elternhaus und näheres Umfeld nicht viel ändern. Natürlich ist es Quatsch, Pornos an allem die Schuld zu geben. Aber das ist der Bereich, in der eine staatliche Kontrolle relativ problemlos ethisch vertretbar und vorallem (zumindest theoretisch) umsetzbar ist.
Ich bin der ziemlich festen Überzeugung, dass Pornos einen negativen Einfluss auf Jugendliche haben können, weil ich merke, welchen negativen Einfluss sie auf mich haben (als 21-jährige, die mit dem Thema "An welchen sexuellen Idealen orientiere ich mich?" eigentlich durch ist). Und ich rede nicht von einem generellen Frauenbild, ich rede von dem Frauen- (und Männer!)bild beim Sex. Also nicht "Alle Frauen sind Schlampen", das vermitteln Pornos alleine nicht. "Alle Frauen müssen im Bett Schlampen sein" meiner Meinung nach aber schon.
Jeden Tag beginnt der Nachrichtensprecher seine Sendung mit "Guten Abend".
Er braucht 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist.

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